Wohin geht die Reise?

Wohin führt die – nicht ganz so unabsehbare – Reise in der Energiepolitik, wo wird der Elektrotechniker am Arbeitsmarkt der Zukunft positioniert sein und wie kann das »Anlassland« Österreich unter der Prämisse dieses Wandels die Energiewende meistern? Diesen und weiteren branchenrelevanten Themen stellte sich Ing. Franz Chalupecky – dessen Vertrag kürzlich um drei Jahre, also bis Ende April 2018 verlängert wurde – und verriet uns seine Überlegungen sowie Zukunftsprognosen jenseits der Energiewende.

Herr Chalupecky, viele kennen ABB dem Namen nach, wissen allerdings nicht, was sie damit verbinden sollen. Wofür steht ABB?
Ing. Franz Chalupecky: Wahrscheinlich hat man früher die BBC – zumindest hier in Österreich – besser gekannt. Das hängt u. a. damit zusammen, dass wir damals noch Haushaltsgeräte im Programm hatten: vom Kühlschrank über die Waschmaschine bis zur Geschirrspülmaschine. Der Bekanntheitsgrad war auch nicht zuletzt deswegen so groß, weil wir mit der Werbung den Endverbraucher erreichten. Das war natürlich ein anderer Marktauftritt als jetzt, wo wir hauptsächlich Industriegüter verkaufen. Heute bewegen wir uns im Industriegüterbereich – wir haben noch eine Produktsparte, die sich an Herrn und Frau Österreicher richtet, nämlich das Schalterprogramm (Schalter, Stecker, Steckdosen usw. von Busch-Jaeger). Dieses verkaufen wir allerdings nicht an den Endverbraucher, sondern über den Großhandel.
Ich behaupte, dass man ABB in der Branche kennt, die meisten verbinden damit allerdings noch den Kraftwerksbau. ABB hat sich jedoch verändert: Während wir vor 20 Jahren den allergrößten Umsatzanteil noch in der Energieerzeugung und -verteilung gemacht haben, ist das heute bei weitem nicht mehr so. Der Anteil der Energieerzeugung und –verteilung am Gesamtumsatz von ABB Österreich liegt derzeit deutlich unter 50%. Der Rest teilt sich hauptsächlich auf in Automatisierungsprodukte und -systeme für die Industrie sowie den Bereich Niederspannungsprodukte. Die Schwerpunkte haben sich also verschoben, aber nicht weil ABB sich so stark verändern wollte, sondern weil das die Gegebenheiten auf dem Markt so erforderten.
ABB ist im Energieerzeugungsbereich mit Produkten und Dienstleistungen von Generatorschaltern über die komplette Leit- und Elektrotechnik vertreten. Was die Industrie betrifft, steht ABB für komplette Automatisierung, Elektrotechnik, Automatisierung der Prozess- und Fertigungsindustrie sowie für Robotertechnologie.

Wenn Sie eine Botschaft senden wollten, welche wäre das?
Chalupecky: Wir sollten uns alle fragen, wohin uns die sogenannte Energiewende führt! Die Medienberichterstattung über die Energiewende, speziell auch in Deutschland, geht mit der tatsächlichen Investition nicht ganz synchron. Die erneuerbaren Energien – ich denke da an Wind und Photovoltaik – werden aus meiner Sicht sehr stark subventioniert. Ich bin nicht gegen diese Richtung, ich bin nur gegen das Tempo. Ich glaube, dass die Richtung hin zu erneuerbaren Energieformen grundsätzlich richtig ist, aber man hat das »Projekt« meiner Meinung nach zu wenig durchdacht bzw. nicht zu Ende gedacht – jetzt wird man von den Auswirkungen überrollt.

Meinen Sie damit die Qualität der Netze?
Chalupecky: Damit meine ich das gesamte Energieversorgungssystem. Wenn Sie in Deutschland – ich glaube, es war 2013 – für Strom, den Sie aus Wind und Photovoltaik produzieren und für den Sie an der Börse 2 Milliarden bekommen, 21 Milliarden in die Förderung gesteckt haben, dann kann irgendwas nicht stimmen. Stellen Sie sich ein Unternehmen vor, das ein Produkt herstellt, das im Jahr 2 Milliarden Umsatz macht (Umsatz, nicht Gewinn!) und dafür jährliche Fördermittel von 21 Milliarden investiert – ich glaube, dieses Unternehmen wird nicht lange leben. Genau das ist in Deutschland passiert. Bei uns ist das Verhältnis der Förderungen zum Wert an der Börse nicht ganz so dramatisch, aber auch nicht unbedingt ausgeglichen. Denn wenn Sie heute Renditen erwirtschaften können – indem Sie in Windräder oder Photovoltaik investieren –, die jenseits der 5, 6, 7% und höher sind, dann darf man sich nicht wundern, dass jeder, der Geld in der Tasche hat, in die Richtung erneuerbare Energien investiert. Durch dieses Investment in erneuerbare Stromerzeugung kam es zu einem teilweisen Überangebot von elektrischer Energie und dies führt zu entsprechenden Preisreduktionen. Dadurch rechnen sich Investitionen in thermische Kraftwerke nicht mehr, die früher auch zur Abdeckung von Verbrauchsspitzen, z.B. in der Früh und am Abend, benötigt wurden bzw. teils nach wie vor dazu benötigt werden. Heute wird dieser Bereich mehr oder weniger von Wind und Photovoltaik abgedeckt, außer an den Tagen, an denen es keinen Wind gibt oder die Sonne nicht scheint – an diesen Tagen braucht man allerdings auch einen funktionierenden Kühlschrank. Man benötigt also Kompensationsreserven bzw. Ersatzenergie. Nur können die Kraftwerke, die diesen Ausfall von Wind und Photovoltaik kompensieren, nicht kostendeckend betrieben werden und sind somit nicht wirtschaftlich. Die Energieversorger beginnen demnach, ein Kraftwerk nach dem anderen in Frage zu stellen und zum Teil natürlich auch – als logische Konsequenz – zu schließen. Wohin das führen kann, ist in verschiedenen Szenarien bereits dargestellt worden.

Was halten Sie vom Energieeffizienzgesetz?
Chalupecky: Energie einzusparen ist aus meiner Sicht grundsätzlich der richtige Weg. Allerdings scheint mir das Energieeffizienzgesetz nicht die bestmögliche Variante zu sein. Nach meinem Verständnis – ich war mein ganzes Leben in der Privatwirtschaft tätig – widerstrebt mir ein Gesetz, wonach ein Produzent oder Händler einer Ware seinen Kunden Jahr für Jahr um 0,6% weniger verkaufen muss/darf, trotzdem aber weiterhin seine Kosten abdecken muss. Dieses Prinzip widerstrebt meinem Grundverständnis.

Was soll man tun, um die wirtschaftliche und die energiepolitische Stabilität sicherstellen zu können?
Chalupecky: Ich glaube, dass wir, was die Energietechnik, die Energieversorgung und das Netz betrifft, eine wesentlich übergreifendere Politik brauchen – man betrachte nur die Auswirkungen der Entscheidungen in Deutschland auf Österreich und das gesamte Umfeld. Für eine Lösung muss man die Situation gesamtheitlich betrachten. Wir brauchen meiner Meinung nach eine wesentlich stärkere und vernetztere Energiepolitik in Europa, als wir sie derzeit haben. Der Standort Europa sollte also nicht nur unter der reinen Fokussierung auf Strom, sondern auf Energie im Allgemeinen betrachtet werden.
Weiters muss man versuchen, der Industrie Energie zu einem vernünftigen Preis zur Verfügung zu stellen, es gibt nämlich Prozesse, bei denen die Energie im Fertigungsprozess bis zu einem zweistelligen Prozentsatz ausmacht – das sind essentielle Kosten. Europa braucht also nicht nur eine nachhaltige und zuverlässige Energieversorgung, sondern auch eine, um den Wirtschaftsstandort nachhaltig abzusichern. Ich würde mir diesbezüglich einen Mix aus Gas-Kombi-Kraftwerken vorstellen, welche Kompensationsenergie sehr rasch zur Verfügung stellen, und würde andererseits die Windenergie, Photovoltaik usw. weiterentwickeln – allerdings nicht mit den bisherigen Fördermodellen und damit verbundenen Eingriffen in die Marktpreise.

Auf Österreichs Dächern entstehen immer mehr Photovoltaik-Anlagen, wodurch es zu einer Belastung des Netzes kommt. Wie soll man mit dieser Entwicklung ihrer Meinung nach umgehen?
Chalupecky: Das Problem der Netze ist, dass die Kunden zum sogenannten »Prosumer« werden: Man errichtet beispielsweise eine Photovoltaikanlage mit der doppelten Leistung des Eigenbedarfs, was dazu führt, dass man bei wenig Sonne trotzdem Strom aus dem Netz konsumiert, bei viel Sonne aber auch einiges in das Netz einspeist. Das verursacht Probleme. Wenn man sich autark versorgt und vom Netz unabhängig ist, stellt das für die Netzbetreiber kein Problem dar. Schwierig wird es erst dann, wenn entnommen und hineingestellt wird – dadurch entstehen Herausforderungen technischer Natur. Anlagengröße und Eigenbedarf müssten entweder völlig synchron gehen oder Speicher müssten als Puffer installiert werden.

Welche Lösungen bietet ABB für Konsumenten zum Produzieren und Speichern von elektrischer Energie?
Chalupecky: Wir bauen USV-Anlagen (für eine unterbrechungsfreie Stromversorgung) von der kleinsten bis zur größten Einheit. – Im Endverbraucherbereich ist die Wirtschaftlichkeit von entsprechenden Energiespeicherlösungen auf der Basis der individuellen Gegebenheiten zu evaluieren. Dabei spielen nicht nur die Produktkosten, sondern auch der Raumbedarf (z.B. für Batterien) eine wesentliche Rolle. Was die Speicherung in größerer Dimension betrifft, beschäftigen wir uns zur Zeit mit einem Projekt in der Größenordnung von 2 MW. Hier gibt es Pilotversuche von Energieversorgungsunternehmen um künftige Potentiale auszuschöpfen.
ABB forscht außerdem gemeinsam mit Herstellern von Elektroautos am Einsatz bzw. an der Verwendung von Second-Life-Batterien, die, wenn sie nur mehr eine Kapazität von 75 oder 80% haben, für das Auto nicht mehr zu verwenden sind, beispielsweise in einem Haushalt allerdings immer noch sinnvoll eingesetzt werden können. Es werden Szenarien entwickelt, wie man sie dann z. B. gemeinsam mit einer Photovoltaikanlage nutzen kann.

Es gibt Prognosen, dass in Zukunft die Wahrscheinlichkeit höher sein wird, größere Stromausfälle wie zuletzt im Waldviertel zu haben. Wie sehen Sie das?
Chalupecky: Ich behaupte, dass Österreich ein »Anlassland« ist – es muss erst etwas passieren, damit etwas passiert. Herr und Frau Österreicher investieren nicht in Trends sondern dann, wenn bereits etwas passiert ist. Niemand ist es mehr gewohnt, dass es einen Stromausfall gibt. Diese Fälle wie im Waldviertel sind Einzelfälle, sie kommen auch in der Regel nicht durch kaputte Netze oder flächendeckende Überlastung sondern durch Umweltkatastrophen zustande. Ich glaube, dass mit zunehmendem Ausmaß von solchen Einzelfällen die Bereitschaft zu investieren größer sein wird.

Was passiert Ihrer Meinung nach, wenn die Elektromobilität in der Breite Realität wird?
Chalupecky: Wir sind in Europa die Nummer 1 bei Fast-Chargern. Wir produzieren und verkaufen Schnellladestationen – deshalb verfolgen wir natürlich, was auf den Markt kommt. Wenn man mit Firmen spricht, bemerkt man, dass es jetzt wirklich losgeht – die Palette wird größer, die Fahrzeuge werden unterschiedlicher. Langfristig gesehen steigt der Ölpreis an – somit ist das Produkt Strom oder E-Mobilität mit Sicherheit eine interessante Alternative. Mit dem Angebot der Autoproduzenten kommt dieses Thema in Schwung. In Wien habe ich das Gefühl, dass die Stadtregierung in erster Linie auf öffentliche Verkehrsmittel setzt und die e-Mobilität keinen entsprechend großen Fokus einnimmt.

Thema Qualifizierung der Arbeitskräfte: Wo sehen Sie den Berufsstand des Elektrotechnikers in den nächsten Jahren?
Chalupecky: Die Gesellschaft ist heute so strukturiert, dass relativ wenige in technologischen Spitzenpositionen einer Großzahl an weniger gut Ausgebildeten gegenüberstehen. Wenn man den Automatisierungsprozess in seiner Entwicklung betrachtet, wird meiner Meinung nach ein Großteil genau dieser Arbeitsplätze in Zukunft aber nicht mehr da sein. Es werden dann sehr schnell technisch sehr hochwertige Arbeitsplätze gebraucht werden – denn wer z.B. heute an einem Fließband arbeitet, läuft Gefahr, durch Automatisierungsprozesse diese Art des Arbeitsplatzes in jetziger Form nicht mehr vorzufinden. Wir entwickeln uns in eine noch mehr technologisierte, automatisierte und spezialisierte Gesellschaft, haben aber immer weniger Arbeitsplätze für immer mehr Menschen.
Ich glaube, dass die klassische Elektrotechnik (Niederspannungsverteilung, Kabelzieharbeiten, Hausanschlüsse etc.) mehr und mehr im Gewerbebereich angesiedelt sein wird. Folglich glaube ich, dass sich der klassische Elektroinstallateur im Gewerbebereich finden wird und der »Elektriker« in der Industrie ein Techniker sein wird.

Herr Chalupecky, vielen Dank für das Gespräch!

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