Power-Gen: Neues Gleichgewicht für europäische Energieversorgung

Die europäische Energiebranche befindet sich im Wandel. Ein Grund dafür ist, dass die Integration der erneuerbaren Energien immer schneller voranschreitet. Dabei hat sich die Debatte, ob regenerative Energien eine wichtige Rolle in der zukünftigen Energieversorgung spielen werden, im Laufe der vergangenen zwei Jahre deutlich verändert: Die Frage lautet nicht mehr, ob diese eine zentrale Rolle spielen, sondern wie der Weg dorthin aussieht. Bislang ist es daher fraglich, ob eine Branche, die traditionell sehr stark durch eine Energieversorgung mit Kohle, Gas und Kernkraft geprägt war, sich an den Wandel anpassen kann.

Der Anteil der Energie, die aus erneuerbaren Energiequellen oder aus CO2-armen Technologien stammt, wird zunehmen. Doch die Integration dieser in die europäischen Stromnetze gestaltet sich bislang schwierig – nicht zuletzt aufgrund hoher finanzieller und technischer Herausforderungen. Überdies wird in vielen europäischen Ländern heute mehr Kohle verbraucht als in den vergangenen Jahren, was vor allem an den niedrigen Kohlepreisen liegt, die gegenüber den Gaspreisen deutlich gesunken sind. Des Weiteren hat der Zusammenbruch des EU-Emissionshandelssystems dazu geführt, dass einige Länder stärker auf ältere, weniger umweltfreundliche und weniger effiziente Kohlekraftwerke setzen. Es ist daher aktuell unklar, wie es Europa gelingen soll, die selbstgesetzten CO2–Ziele zu erreichen und dabei gleichzeitig die Strompreise für die Industrie und den Endverbraucher erschwinglich zu gestalten. Alle Indikatoren deuten deshalb darauf hin, dass sich die Situation vorerst verschlimmern wird, bevor sie sich wieder entspannt.

Deutschland als Mikrokosmos
In Deutschland zeigt sich besonders deutlich, wie groß und komplex die bereits angesprochenen Herausforderungen sind. Denn durch die »Energiewende« steht dort der Balanceakt, den die europäische Energiewirtschaft zu bewältigen hat, bereits im Mittelpunkt der ökonomischen und politischen Diskussion. Auf der einen Seite fordern die Verbraucher eine saubere und gleichzeitig erschwingliche Energie und Politiker streben nach einer zuverlässigen Versorgung sowie einem Elektrizitätsbinnenmarkt. Auf der anderen Seite geraten durch die Zunahme der erneuerbaren Energien die Margen der etablierten Versorger stark unter Druck. Der in Deutschland beschlossene Ausstieg aus der Kernenergie sowie der entsprechende Boom bei den erneuerbaren Energien haben die Abhängigkeit von den großen Versorgern stark gemindert. Dies hat zur Folge, dass bei einigen Unternehmen der Gewinn seit 2008 um mehr als die Hälfte geschrumpft ist. Zahlreiche große Versorger sind daher nicht ohne weiteres in der Lage Infrastrukturinvestitionen zu tätigen, die notwendig wären, um Strom von Offshore-Windkraftanlagen aus dem Norden in den industriestarken Süden zu transportieren. Zudem schrumpft die Abhängigkeit von den »Energieriesen«, da in Deutschland kommunale Versorgungsunternehmen zunehmend an Bedeutung gewinnen.

Die Dezentralisierung des Systems ist in Deutschland ebenso wie in einigen anderen Ländern – besonders in Skandinavien und Osteuropa – mit der Etablierung von kommunalen Modellen bereits weit fortgeschritten. Stadtwerke sind mehrheitlich in öffentlicher Hand und verfügen über eine größere Flexibilität, durch ein in der Regel breiteres Versorgungsmodell (bspw. Wasserversorgung). Auch die Schaffung von virtuellen Kraftwerken, bei denen viele kleinere, verteilte Energiequellen gebündelt und als eine Anlage betrieben werden, sind Modelle, die Kommunen in Zusammenarbeit mit Technologieanbietern derzeit erproben. Doch nicht in allen Ländern ist diese Vorgehen möglich bzw. sinnvoll. Um die Energieversorgung europaweit zu stabilisieren sollten daher auch länderübergreifende Verbünde, in denen überschüssig produzierte Energie den »Partnern« zur Verfügung gestellt wird, nicht außer Acht gelassen werden. Bei all diesen Überlegungen zeigt sich eines ganz deutlich: Gerade größere Versorgungsunternehmen in ganz Europa müssen ihre Geschäftsmodelle überdenken und auf die aktuellen Anforderungen der Energiewirtschaft zuschneiden. Neben ihrer Kernexpertise, die häufig im Bau und Betrieb von Kraftwerken liegt, verfügen viele Versorger zudem über Erfahrung mit Anlagen entlang der gesamten Wertschöpfungskette – wie beispielsweise erneuerbare Energieanlagen und Stromnetze.

Es wird daher für die Branche entscheidend sein diese Expertise zu nutzen. Die Unternehmen müssen sich stärker als Partner des Systems und weniger als reine zentralisierte Stromproduzenten verstehen und positionieren.

Eine kontinuierliche Versorgung sicherstellen
Noch ist die Stromversorgung zuverlässig und stabil, doch Experten prognostizieren, dass einige europäische Länder, innerhalb der kommenden ein bis zwei Jahre, vermehrt Stromausfälle und starke Netzspannungsschwankungen erleben werden. Die veraltete Infrastruktur ist häufig nicht mehr in der Lage Versorgungsunterbrechungen, die bei der Nutzung regenerativer Energiequellen durchaus auftreten können, zu überbrücken. Es ist eine Tatsache, dass es die europäische Energiewirtschaft bislang versäumt hat, einen Investitionsplan vorzulegen, der eine kontinuierliche Erneuerung der bestehenden Infrastruktur vorsieht. Hinzu kommt die absurde Situation, dass moderne, oft relativ neue Gaskraftwerke in ganz Europa »eingemottet« oder stellenweise komplett stillgelegt werden, weil sie nicht dem aktuellen Marktmodell entsprechen. Spätestens hier sollte deutlich werden, dass sich die Branche dringend umstellen bzw. neu ausrichten muss. Unter idealen Bedingungen liefern erneuerbare Energiequellen zwar mehr Strom als benötigt wird, aufgrund der unvermeidlichen Schwankungen sind aber weiterhin konventionelle Kraftwerke nötig, da ansonsten der Strombedarf nicht zuverlässig gedeckt werden kann. Die Stromerzeugung aus fossilen Brennstoffen erfolgt traditionell in großen Kraftwerken. Diese arbeiten mit extrem hohen Drücken und Temperaturen und können daher nicht einfach, entsprechend des Bedarfs, hoch- und wieder heruntergefahren werden. Zwar sind kürzere Betriebsphasen möglich, erfordern aber danach angepasste Wartungsintervalle. Da das Kraftwerk bei einer Wartung in der Regel vom Netz genommen werden muss, sind die Auswirkungen auf die Kosten und die Versorgungssicherheit gravierend.

Was kann die Power-Gen Europe leisten?
Durch die Rezession bzw. die schwache wirtschaftliche Entwicklung in Europa standen verstärkt die Finanzmärkte im Fokus der Politik, und das Thema Energie rückte in den Hintergrund. Doch jetzt, wo sich die Wirtschaft und die Banken langsam erholen, muss die Energiebranche aufpassen, dass sie nicht das Zentrum der nächsten Krise wird. Denn der Markt wandelt sich rasant, und immer wieder gibt es in der Energiepolitik Differenzen zwischen der europäischen Linie und einzelnen Mitgliedstaaten. Umso wichtiger ist es, dass Experten sich treffen, um über Strategien und Lösungen zu sprechen, wie die Energiewirtschaft ihrer Verantwortung weiterhin gerecht werden und erfolgreich arbeiten kann.

Die Power-Gen Europe findet gemeinsam mit der Renewable Energy World Europe vom 3. bis 5. Juni 2014 in Köln statt. Auf dieser in Europa einmaligen Konferenz und Ausstellung kommen Energieexperten aus ganz Europa zusammen, um sich über die neuesten technologischen Trends auszutauschen und gemeinsam nach Lösungen für eine saubere, erschwingliche, zuverlässige und sicheren Energieversorgung zu suchen.

Namensartikel: Nigel Blackaby, Konferenzdirektor Power-Gen Europe

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