Umsätze, Konjunktur-Ausblick, Herausforderungen – die KMU Forschung Austria liefert konkrete Ergebnisse aus der vierteljährlichen Konjunkturumfrage und die endgültigen Umsatzzahlen für das Krisenjahr 2020 der Sparte »Gewerbe und Handwerk«. (Bild: pixabay)

Konjunkturbeobachtung »Gewerbe und Handwerk«:

Polarisierung einer Sparte

Es ist ein kühler Realismus, der dieser Tage herrscht – nach einem vollen Jahr Pandemie samt Maßnahmen werden deren Auswirkungen nun immer spürbarer. Wie sich die Sparte Gewerbe und Handwerk durch die Corona-Krise verändert hat und mit welcher Stimmung und welchen Erwartungen die einzelnen Branchen ins zweite Quartal 2021 gehen – diesen Fragen ging die KMU Forschung Austria auf den Grund. Die Antworten darauf fassten wir für Sie zusammen.

von Mag. Sandra Eisner

„Die Investitionsbereitschaft der Unternehmen ist weiterhin hoch trotz der enormen Umsatzeinbrüche. Das zeigt uns, dass die Unternehmen das Vertrauen in ihre Geschäftsmodelle und in die Zukunft nicht verloren haben“, so KommR Mst.in Ing. Renate Scheichelbauer-Schuster, Obfrau der Bundessparte Gewerbe und Handwerk in der Wirtschaftskammer Österreich. (Bild: WKNÖ/Hautzinger)

Hier wurde Tacheles geredet: Im Beisein von KommR Mst.in Ing. Renate Scheichelbauer-Schuster (Obfrau der Bundessparte Gewerbe und Handwerk) und Prof. Dr. Reinhard Kainz (Geschäftsführer Bundessparte Gewerbe und Handwerk) präsentierte die KMU Forschung Austria im Zuge eines Online-Pressegesprächs die Ergebnisse aus der vierteljährlichen Konjunkturumfrage und die endgültigen Umsatzzahlen für das Krisenjahr 2020 der Bundessparte Gewerbe und Handwerk. Mag. Christina Enichlmair, M.A. (KMU Forschung Austria) schickte der Präsentation zunächst ernüchternde Worte vorweg, nämlich „dass wir, die KMU Forschung Austria, die Konjunkturerhebungen Gewerbe und Handwerk seit 1981 durchführen und noch nie so eine schlechte Umsatzentwicklung hatten wie 2020: -7,3 % nominell bzw. -9,0 % real.“ – Zum Vergleich: Im Krisenjahr 2009 (Finanzkrise) lag der Umsatzrückgang lediglich bei -2 % (nominell). Doch folgen wir den Erkenntnissen der Reihe nach.

Umsatzentwicklung im Jahr 2020

Insgesamt wurde im Jahr 2020 ein Umsatz von € 98,2 Mrd. erzielt, das sind € 7,7 Mrd. weniger als im Vorjahr (2019: € 105,9 Mrd.). Der Umsatz liegt damit knapp über dem Niveau des Jahres 2017 (€ 96,5 Mrd.).

Mehr als die Hälfte der Betriebe (54 %) verzeichnete Umsatzrückgänge, bei 23 % blieb der Umsatz auf Vorjahresniveau und wiederum 23 % meldeten Umsatzsteigerungen.

Was die einzelnen Branchen und Größenklassen betrifft, so gab es große Unterschiede innerhalb des Gewerbe und Handwerks. Gemeinsam jedoch ist, dass keine einzige Branche davon im Jahr 2020 im Durchschnitt eine positive Umsatzentwicklung vorweisen konnte.

Die geringsten Rückgänge verzeichneten die investitionsgüternahe Branchen: Hafner, Platten- und Fliesenleger und Keramiker (-0,2 %), Dachdecker, Glaser und Spengler sowie Holzbau (jeweils -1,7 %), Baugewerbe (-2,2 %) und Chemische Gewerbe sowie Denkmal-, Fassaden- und Gebäudereiniger (-2,7 %).

Die höchsten Rückgänge erlitten die konsumnahe Branchen: Berufsfotografen (-37,3 %), Mode und Bekleidungstechnik (-34,1 %), Kunsthandwerke (-23,6 %), Friseure (-21,7 %) und Fußpfleger, Kosmetiker und Masseure (-20,9 %).

Was die Größenklassen betrifft, so waren die höchsten Umsatzrückgänge bei Ein-Personen-Unternehmen (-12,1 %) zu verzeichnen, geringere Einbußen hingegen bei Betrieben mit 20 und mehr Beschäftigten (-5,4 %).

„Die Österreichische Forschungsförderungsgesellschaft FFG verzeichnete im Krisenjahr 2020 um 40 % mehr Einreichungen. 855 Mio. Euro wurden an Förderungen zugesagt, gerade auch in Bereichen, die für Gewerbe und Handwerk wichtig sind. 20 % der Mittel gingen in klimarelevante Projekte, ein Drittel in Digitalisierungsprojekte“, so Prof. Dr. Reinhard Kainz, Geschäftsführer Bundessparte Gewerbe und Handwerk. (Bild: Foto Weinwurm)

Exporte und Investitionen im Jahr 2020

5,0 % des Gesamtumsatzes entfielen im Jahr 2020 auf Exporte (Vorjahr: 7,3 %). Absolut wurden von den Gewerbe- und Handwerksbetrieben Waren und Leistungen im Wert von rund € 4,9 Mrd. exportiert, das sind um rund € 2,8 Mrd. weniger als im Vorjahr. Die Exportleistung ist auf relativ wenige Betriebe zurückzuführen: 11 % realisierten Umsätze mit Exporten, während 89 % im Jahr 2020 gar keine Exportumsätze hatten. Von einer hohen Exportquote profitierten Kunststoffverarbeiter (34,9 %), Mechatroniker (21,3 %) und Metalltechniker (15,6 %).

Was Investitionen betrifft, so wurden diese von 45 % der Betriebe getätigt – was einem höheren Wert entspricht als erwartet: Im Juni 2020 wollten nämlich lediglich 23 % der Betriebe Investitionen tätigen. Insgesamt gab es allerdings weniger Investitionen als im Vorjahr: Im Durchschnitt investierte das Gewerbe und Handwerk rund € 3.800, je Beschäftigtem, das sind um 31 % weniger als im Vorjahr (€ 5.500). Beim Großteil der Investitionen handelte es sich um Ersatzinvestitionen (48 %), 34% waren Erweiterungsinvestitionen und 18% Rationalisierungsinvestitionen.

Knapp die Hälfte (44 %) der Betriebe plant, im Jahr 2021 Investitionen vorzunehmen.

Konjunkturverlauf im 1. Quartal 2021

Die KMU Forschung Austria sieht für das Handwerk und Gewerbe aktuell insgesamt eine Seitwärtsbewegung bzw. ein »Auf-der-Stelle-treten« im negativen Bereich. 40 % bewerten die Geschäftslage als schlecht, nur 22 % bewerten sie als gut (und 38 % saisonüblich).

Auch im 1. Quartal 2021 zeichnen sich große Unterschiede innerhalb des Gewerbe und Handwerks ab, jedoch nicht nur zwischen sondern auch innerhalb der Branchen. So wird vor allem in investitionsgüternahen Branchen eine gute Geschäftslage verzeichnet: z. B. Baugewerbe: 89 % (27 % gut, 62 % saisonüblich), Hafner, Platten- und Fliesenleger, Keramiker: 80 % (51 % gut, 29 % saisonüblich), Tischler und Holzgestaltende Gewerbe: 85 % (48 % gut, 3 % saisonüblich).

Vor allem bei den konsumnahe Branchen hingegen ist eine schlechte Geschäftslage der Fall, z. B. Fotografen: 100 %, Friseure: 89 %, Fußpfleger, Kosmetiker, Masseure: 84 %.

Über eine sowohl gute als auch schlechte Geschäftslage berichten z. B. Elektrotechniker: 31 % gut, 37 % saisonüblich, 32 % schlecht.

Der durchschnittliche Auftragsbestand der investitionsgüternahen Branchen ist im Vergleich zum 1. Quartal 2020 um 9,2 % gestiegen. (Steigerungen gab es vor allem im Baunebengewerbe – Hafner, Platten- und Fliesenleger, Keramiker; Holzbau; Dachdecker, Glaser und Spengler sowie bei den Kunststoffverarbeitern – Rückgänge v. a. im Bauhilfsgewerbe sowie bei den Malern und Tapezierern.)

41 % der Betriebe könnten sofort zusätzliche Aufträge ausführen, 39 % in drei Monaten, 14 % in sechs Monaten und 6 % in neun Monaten.

Die Umsatzentwicklung der konsumnahen Branchen im 1. Quartal 2021 schaut im Licht der Corona-Pandemie leider verhalten aus: 71 % der Betriebe meldeten Umsatzrückgänge, nur 7 % der Betriebe hatten Umsatzsteigerungen zu verzeichnen. Im Vergleich zum 1. Quartal 2020 hatten 13 % Umsatzsteigerungen, 17 % Umsatzrückgänge und 70 % hatten keine Veränderung zu vermelden. Im 1. Quartal 2021 sind es nur noch 22 %, die keine Veränderung zu vermelden hatten. Das heißt, es gibt eine Bewegung in Richtung Umsatzrückgänge, während der Anteil der Betriebe mit Umsatzsteigerungen nicht so stark zurückgegangen ist.

Ausblick und Erwartungen für das 2. Quartal 2021

Die Erwartungshaltung hellt sich verglichen mit den Vorquartalen doch merklich auf, allerdings sind die Erwartungen von großen Unsicherheiten geprägt. Auch hier zeigen sich wieder große Unterschiede zwischen den investitionsgüter- und konsumnahen Branchen. Bei ersteren ist der Optimismus für das 2. Quartal stärker hervorgekehrt, während bei den konsumnahen Branchen der Pessimismus massiv überwiegt. Es zeigt sich jedoch in beiden Bereichen eine Tendenz zum Positiven hin, wenn auch in unterschiedlicher Geschwindigkeit und Ausprägung.

Positiv anzumerken ist, dass sich die Krise nicht auf die Personalplanung bzw. auf den Personalbedarf durchschlägt. Die Saisonalität im Gewerbe und Handwerk ist stark vom Bau- und Baunebengewerbe geprägt, aber der Personalbedarf entspricht dem üblichen Bedarf eines zweiten Quartals.

Fazit

Das sehr schwierige Krisenjahr 2020 offenbart eine unterschiedliche und zweigeteilte Entwicklung innerhalb des Handwerks und Gewerbes: Die investitionsgüternahen Branchen sind bis dato besser durch die Krise gekommen als die konsumnahen.

Dessen ist sich auch KommR Mst.in Ing. Renate Scheichelbauer-Schuster, Obfrau der Bundessparte Gewerbe und Handwerk, bewusst: „Durch diese Krise hat eine starke Polarisierung stattgefunden – das Gewerbe und Handwerk offenbart zwei unterschiedliche Gesichter: Während die baunahen Bereiche mit relativ geringen Einbußen durch die Corona-Pandemie kamen, sind die Rückgänge in den konsumnahen Bereichen durchwegs dramatisch.“ Dementsprechend zeigen auch die Erwartungen für das 2. Quartal nur sehr zaghaft in die richtige Richtung und dieser Pessimismus ist nicht überraschend. Als Folge dieser Spaltung muss in den Recovery-Programmen Bedacht auf die Polarisierung genommen werden, damit Impulse gezielt dort ankommen, wo sie dringend benötigt werden (siehe »Fünf-Punkte-Programm« für Gewerbe und Handwerk).

Prof. Dr. Reinhard Kainz, Geschäftsführer Bundessparte Gewerbe und Handwerk, weist jedoch darauf hin, „dass wir auch im investitionsgüternahen Bereich Unsicherheiten auf die Betriebe zukommen sehen, weil insbesondere investitionsgüternahe Unternehmen derzeit mit Lieferengpässen und stark schwankenden, zum Teil stark steigenden Preisen ihrer Vorlieferanten konfrontiert sind.“ Ein Grund liegt in der Vernetzung des Welthandels (Beispiel Blockade des Suez-Kanals), außerdem haben sich Preise von Container-Frachten vervielfacht – in manchen Häfen kann nicht wie geplant entladen werden, Schiffe stauen sich in Entladungsstationen. „Es gibt zu wenig freie Container-Kapazitäten und es fahren leere Container-Schiffe nach China zurück, weil es lukrativer ist, von China nach Europa zu liefern als umgekehrt und daher werden die Container rasch nach China wieder zurückgebracht“, so Kainz. Diese unsicheren Lieferbeziehungen gibt es auch in der Kunststoffbranche (betroffen sind Produkte wie Harze und dergleichen) oder im Metall- und Baugewerbe (z. B. hinsichtlich des Baustahls). Dies trübt die an sich guten Geschäftserwartungen der investitionsgüternahen Unternehmen ein.

Doch es ist nicht alles pessimistisch zu sehen: „Die Investitionsbereitschaft und Personalplanung der Unternehmen stimmen uns zuversichtlich – da braucht es gezielte Impulse. Innovation und Qualifikation müssen uns aus der Krise (heraus-)führen!“, weiß Scheichelbauer-Schuster einen möglichen Ansatz. Ein „Herausinvestieren aus der Krise“ wird für die Spartenobfrau wesentlich sein für die wirtschaftliche Erholung – auch von Österreichs Wirtschaft insgesamt, denn dazu braucht es die Konjunkturlokomotive Gewerbe und Handwerk – mitsamt ihrer Innovationskraft.

Quelle: KMU Forschung Austria

„Die Herausforderungen im Fachkräfte- und Lehrlingsmangel sind unter dem Eindruck der Corona-Krise und der hohen Arbeitslosigkeit nicht etwa verschwunden, die Umfragedaten zeigen deutlich, dass diese Problembereiche noch vermehrt in den Vordergrund gerückt sind.“ (Bild: WKNÖ)

»Fünf-Punkte-Programm« für Gewerbe und Handwerk

KommR Mst.in Ing. Renate Scheichelbauer-Schuster (Obfrau der Bundessparte Gewerbe und Handwerk in der Wirtschaftskammer Österreich):

„Aus dem Konjunkturbild leiten sich für uns mehrere Forderungen ab, was sowohl die Akutphase, aber auch den Erholungspfad aus der Krise betrifft:

  1. Gerade die Betriebe in Wien, Niederösterreich und Burgenland (Ost-Lockdown), aber auch jene, die offen haben dürfen, aber keine Kunden aufgrund der Ausgangsbeschränkungen haben, brauchen eine stärkere, finanzielle Unterstützung.
  2. Die konsumnahen Branchen benötigen weiterhin intensive Unterstützung, wie Verlängerung der Kurzarbeit weit über den Sommer hinaus.
  3. Perspektive: Das Gewerbe und Handwerk benötigt von der Politik gerade in diesem so instabilen Corona-Umfeld möglichst stabile Perspektiven, um mehr Planungssicherheit zu erhalten. So sollten an bestimmte Maßnahmen klare Kriterien gebunden werden.
  4. Die Investitionsprämie sollte in der Anwendung praxisgerechter werden. Dabei sollte berücksichtigt werden, dass die geforderten ersten Maßnahmen nicht für alle Projektabschnitte gleich zu Beginn gesetzt werden können, sondern typischerweise erst nach Projektionsfortschritt.
  5. Das »KMU DIGITAL«-Förderprogramm ist ein international anerkanntes Erfolgsmodell und sollte von 5 Mio. Euro pro Jahr auf 15 Mio. Euro aufgestockt werden, damit ein kontinuierlicher Förderfluss möglich ist. Die derzeit zugesagten 5 Mio. reichen in etwa für 3 Monate.“

 

Weitere Informationen auf:

www.wko.at/branchen/gewerbe-handwerk/start.html

www.kmuforschung.ac.at

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