Österreichische Energiewirtschaft steht vor großen Herausforderungen

Seit der Liberalisierung des Strommarktes ist es für Stromlieferanten möglich, den Strom an der Börse zu beziehen und an Endkunden zu verkaufen. Folglich können von nun an auch branchenfremde Unternehmen ohne eigene Stromerzeugungsanlagen als Stromhändler auftreten. Konzerne wie Google oder Amazon dringen in den Energiemarkt vor und zeigen das bereits mit ihren Behind-the-Meter Applikationen. Diesen Unternehmen fehlt es zwar an marktspezifischem Fachwissen und Erfahrung, jedoch verfügen sie teilweise über enorme freie finanzielle Mittel, um sich das notwendige Know-how sehr schnell aufbauen oder zukaufen zu können. Zudem drängen aber auch immer mehr junge und innovative Unternehmen aus dem Start-up Bereich in die Branche.

Konkret nehmen bereits 76 % der heimischen Energieversorger eine Bedrohung dieser branchenfremden Akteure wahr. Dennoch richtet ein Großteil der Anbieter ihre Unternehmensstrategie nur geringfügig danach aus. Um sich gegen neue Mitbewerber zu wappnen, setzen Stromlieferanten eher auf lockere Bindungen als auf langfristige Verpflichtungen: 80 % sehen dabei vor allem in Kooperationen einen guten Ansatz. Neue Zukäufe und Fusionen werden jedoch nur von 17 % in Betracht gezogen. Darüber hinaus sehen 70 % der Befragten vor allem die Ausweitung des eigenen Produktportfolios als probates Mittel, um sich gegen neue Akteure zu rüsten. Dabei steht jedoch nicht immer der Kunde im Fokus. So ist das Angebot neuer Produkte nur für 2 % der befragten Unternehmen der Hauptgrund für einen Anbieterwechsel.

„Die Energiebranche befindet sich im Umbruch: Etablierte Stromversorger stehen vor der Herausforderung, den Wandel hin zu einem modernen Energiedienstleister zu vollziehen. Um sich gegen disruptive Marktteilnehmer zu wappnen, müssen sie neue Technologien einbinden, die den zukünftigen Anforderungen gerecht werden. Aber auch Kooperationen mit innovativen Playern aus dem Start-up-Bereich bieten eine gute Möglichkeit zur eigenen Kompetenzerweiterung“, erklärt Michael Sponring, Leiter Power & Utilities bei PwC Österreich.

Datenanalyse bei Einführung neuer Produkte (Fotocredit: PwC)Aufholbedarf bei Digitalisierung: Big Data steckt in den Kinderschuhen
Ebenso wie in anderen Branchen wird die Digitalisierung auch die gesamte energiewirtschaftliche Wertschöpfungskette in den nächsten Jahren umkrempeln. Vor allem mit der flächendeckenden Einführung digitaler Stromzähler – sogenannter Smart-Meter – wird die Datenflut und somit die Möglichkeit zur Analyse weiter zunehmen.

Zwar erkennt ein Großteil der heimischen Energiewirtschaft durchaus die Chancen der Digitalisierung, jedoch gelingt es bisher noch nicht, sinkende Erträge durch neue Ideen und Möglichkeiten zu kompensieren. So verwenden 70 % der Stromlieferanten aktuell keine Datenanalyse bei der Einführung neuer Produkte. Mehr als ein Drittel der Befragten gibt zudem an, dass die Speicherung von Daten zu Analysezwecken in den nächsten fünf Jahren noch nicht vorgesehen ist. Die Industrie ist hier der Energiewirtschaft voraus. Bereits 43 % der Industrieunternehmen analysieren spezifische Daten, um neue Produkte einzuführen.

Blockchain-Technologie kann den Strommarkt revolutionieren
Die Blockchain-Technologie hat das Potenzial, in der Energiewirtschaft einen direkten, dezentralen Stromhandel zwischen Haushalten zu ermöglichen. Die Blockchain fungiert somit als Handelsplattform, in welcher die Daten dezentral gespeichert sind. Nach der Finanzwelt erobert diese Technologie zunehmend auch den Energiesektor. Via Blockchain kann Strom beispielsweise bilateral zwischen Erzeugern und Verbrauchern per Algorithmus gehandelt werden. So ist es möglich, dass bisher vorgegebene Marktfunktionen, wie z.B. Clearingstellen oder Energielieferanten, durch Blockchains ersetzt werden. „Blockchain ist eine sehr junge Technologie, die zwar noch einige Schwachstellen aufweist, sich jedoch schnell entwickelt und in verschiedensten energiewirtschaftlichen Anwendungsbereichen großes Potenzial hat“, beurteilt Sponring.

Neue Tarifmodelle: Energieflatrate bis 2020 wahrscheinlich
Die Strom-Großhandelspreise sind in den vergangenen fünf Jahren deutlich gesunken. Das ist vor allem auf die vermehrte Einspeisung von Ökostrom im gemeinsamen Markt mit Deutschland zurückzuführen. Diesen Trend hat darüberhinausgehend der Rückgang der Preise für fossile Brennstoffe begünstigt. Dennoch gehen 74 % der Industrie und 70 % der Stromlieferanten davon aus, dass sich die Strompreise in Zukunft erhöhen werden. Grund dafür könnten höhere CO2-Kosten oder ein Preisanstieg der fossilen Rohstoffe sein.

Unabhängig davon steht jedoch fest: Die bestehenden Tarifmodelle werden höchstwahrscheinlich nicht den zukünftigen Anforderungen der Kunden bzw. den geänderten Marktbedingungen entsprechen können. 39 % der befragten Industrieunternehmen und 37 % der Stromlieferanten halten daher die Einführung einer Energieflatrate bis 2020 für wahrscheinlich. Ein großes Thema wird dabei die Ausgestaltung von Anreizsystemen sein, damit eine potenzielle Flatrate nicht zu unnötigem Stromverbrauch führt.

Industrie wird selbst zum Marktteilnehmer
Die Strompreise werden durch die Einspeisung Erneuerbarer Energieträger immer volatiler. Daher wird es für Industrieunternehmen zunehmend attraktiver, den Verbrauch daran zu orientieren. Daraus folgend verschieben Industrieunternehmen ihren Stromverbrauch von Hochpreisphasen in Niedrigpreisphasen und können somit Kosten sparen. 11 % der energieintensiven Unternehmen wenden bereits diese Methode an und passen ihren Verbrauch an die Preissituation am Strommarkt an. Im nächsten Schritt treten Unternehmen als Marktteilnehmer am Regelenergiemarkt auf. Der Regelenergiemarkt dient dazu, Leistungen vorzuhalten und um Schwankungen im Netz auszugleichen. Je nach Erfordernis werden Kraftwerke hochgefahren oder überschüssiger Strom verbraucht. Diese sogenannte Regelenergie wird von 10 % der befragten energieintensiven Unternehmen angeboten.

„Energieintensive Industrieunternehmen profitieren von den Veränderungen der Strommärkte und reduzierten ihre Energiekosten in den letzten Jahren. Mehr noch: Sie werden immer öfter zu direkten Marktteilnehmern und somit teilweise sogar zu Wettbewerbern ihrer Lieferanten – wenn sie etwa neue Einnahmequellen am Regelenergiemarkt generieren“, so PwC Energieexperte und Studienautor Mathias Mayer.

Energieeffizienzgesetz ohne nennenswerte Anreize für Industrie
Wie die Ergebnisse der Studie zeigen, bietet das seit 1. Jänner 2015 geltende Energieeffizienzgesetz keine wesentlichen Anreize für die österreichische Industrie: 79 % der befragten energieintensiven Industrieunternehmen gaben an, bis 2020 ein Energieeinsparpotenzial von weniger als 10 % zu sehen – ausgehend vom aktuellen Stand. Trotzdem wurden 2015 in Österreich fast doppelt so viele Energieeffizienzmaßnahmen als gesetzlich benötigt gesetzt, wodurch das Maßnahmenziel bis 2020 ohne größere Schwierigkeiten erreicht werden sollte. Jedoch setzt nur ein Drittel der Industrieunternehmen die Maßnahmen auf Grund der Gesetzgebung.

Österreich im Spitzenfeld bei Versorgungssicherheit
„Auch das Thema Versorgungssicherheit wird in Zukunft weiterhin eine wesentliche Rolle einnehmen“, erklärt Mayer. „Im Jahr 2014 hatte jeder Netzkunde durchschnittlich nur 0,8 Stromausfälle. Somit liegt Österreich im europäischen Vergleich im Spitzenfeld. Die Anzahl der unangekündigten Unterbrechungen ist seit 2007 um 52 % gesunken. Insbesondere der weitere Ausbau der volatilen Ökostromerzeugungsanlagen wird die Netzbetreiber künftig vor große Herausforderungen stellen. Die Sicherstellung einer stabilen Stromversorgung nimmt dabei insbesondere für die energieintensive Industrie einen hohen Stellenwert ein. So gaben 63 % der Unternehmen an, dass ihnen im Falle einer Stromunterbrechung unmittelbar ein wirtschaftlicher Schaden entsteht. Daher investierten bereits 58 % in Notstromaggregate oder Batterien, sodass im Falle einer Stromunterbrechung die Aufrechterhaltung der Produktion gewährleistet werden kann.

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