Dipl.-Ing. Christian Gabriel ist OEK-Geschäftsführer und somit Leiter der Normungsabteilung im OVE.

Das Interview mit dem Geschäftsführer des Österreichischen Elektrotechnischen Komitees im OVE:

„Normung bedeutet immer eine Win-win-Situation“

Normen bieten in der Elektrotechnik ein stabiles Grundgerüst, das nicht nur als Basis für Qualitätsarbeit dient, sondern auch Orientierung im rechtlichen Rahmen bietet. Entsprungen aus dem Sicherheitsgedanken, machten wir uns anlässlich des 130. Geburtstags der elektrotechnischen Norm auf die Suche nach den Hintergründen sowie den aktuellen Herausforderungen.

Das Interview führte Thomas Graf-Zoufal

Text: Mag. Sandra Eisner

Bereits Ende des 19. Jahrhunderts hatten Techniker erkannt, dass Regulative ein gewisses Maß an Vorgaben zur Sicherheitsgewährleistung bieten können. So legte der damalige Elektrotechnische Verein in Wien (EVW), heute OVE, den Grundstein der elektrotechnischen Norm. 130 Jahre später ist diese nicht mehr wegzudenken und stetiger Begleiter der Branche. Doch wie tiefgehend bzw. umfassend sollte man selbst informiert sein bei aller Komplexität, was bietet eine Mitarbeit an der Normung und was wird die neue OVE E 8101 bringen? Dipl.-Ing. Christian Gabriel, OEK-Geschäftsführer und somit Leiter der Normungsabteilung im OVE, lieferte uns anlässlich des Jubiläums vor dem i-Magazin-Mikro nicht nur spannende Hintergrundinfos und Details, sondern erläuterte auch die Aufgaben in der heutigen Zeit.

Herr Gabriel, was können Sie uns zum Beginn der elektrotechnischen Normung in Österreich erzählen?

Christian Gabriel: Der OVE wurde 1883 im Rahmen der damaligen elektrotechnischen Weltausstellung in Wien gegründet. Nach dem katastrophalen Ringstraßen-Theaterbrand im Jahre 1881 wurde versucht, die elektrische Energie vor allem im Bereich der Beleuchtung als sehr vorteilhaft gegenüber Gas darzustellen. Natürlich war man sich dessen bewusst, dass auch hier ein Gefährdungspotenzial vorhanden war und so wurden im Rahmen dieses neu gegründeten Vereins, des damaligen Elektrotechnischen Verein Wiens, schon sehr bald Grundlagen hinsichtlich der Sicherheit elektrischer Anlagen ausgearbeitet. Innerhalb eines sogenannten Regulativkomitees wurde an einem Entwurf gearbeitet, der der Öffentlichkeit 1888 als »Sicherheitsvorschriften für elektrische Anlagen« vorgestellt wurde. Es war die erste, gemeinsam von Technikern erarbeitete Sicherheitsbestimmung im Bereich elektrischer Anlagen, die schon die wesentlichen Aspekte, wie wir sie heute kennen, beinhaltete. Initiatoren dieser Arbeit waren Versicherungen und Behörden, die damals ein sehr starkes Interesse hegten, einheitliche Regelungen zu schaffen, die den Umgang mit elektrischer Energie gefahrlos ermöglichten.

Wie werden Normen eingesetzt?

Gabriel: Norm im elektrotechnischen Bereich bedeutet vornehmlich Funktionalität und Sicherheit, wobei hier nicht nur die Sicherheit der elektrischen Anlage und von elektrischen Betriebsmitteln gemeint ist, sondern auch die Rechtssicherheit durch die Anwendung von Normen. Bei z.B. der normgemäßen Errichtung einer elektrischen Anlage erhält der Kunde zum einen ein sehr hohes Maß an Qualität hinsichtlich Sicherheit und Funktionalität, zum anderen hat der Errichter die Sicherheit, im Falle eines möglichen Streitfalls durch die konsequente Anwendung der zutreffenden Normen auf der rechtssicheren Seite zu stehen. Die Anwendung von Normen ist also eine Win-win-Situation – sowohl für den Kunden, als auch für den Hersteller und Errichter.

Wie umfassend sollten Mitarbeiter eines Elektrotechnikbetriebs normengerecht geschult werden?

Gabriel: Der Themenbereich der Vorschriften und die rechtlichen Grundlagen, die mit einhergehen, sind leider sehr komplex geworden. Es ist aus unserer Sicht absolut notwendig, den rechtlichen Rahmen zu kennen (z.B. das Elektrotechnikgesetz und die entsprechenden Verordnungen dazu). Was die Tiefe des Wissens bezüglich Normen betrifft, so müssen jedenfalls Grundkenntnisse vorhanden sein: Welche Anforderungen werden durch Normen im Zusammenspiel mit dem rechtlichen Rahmen wo und wie festgelegt. Gerade im Errichtungsbereich ist es aktuell essenziell, dass Schulungen an der Norm im Detail stattfinden. Die kommende neue Norm OVE E 8101 umfasst 750 Seiten – im Vergleich zur ersten Veröffentlichung aus dem Jahr 1888 mit 7 Seiten ist das ein stark gewachsenes Werk. Und grundsätzlich gilt natürlich: Wichtig ist immer zu wissen, wo man nachschauen kann.

Was bedeutet die »Mitarbeit in der Normung«?

Gabriel: Mitarbeit in der Normung bedeutet eine aktive Teilnahme an der Entstehung eines normativen Dokumentes, sei es eine internationale Publikation von IEC, eine Europäische Norm im Rahmen von CENELEC oder eine nationale OVE-Norm, oder eine OVE-Richtlinie. Zum einen bietet sich so die Möglichkeit, die eigenen Interessen einzubringen, zum anderen erhält man Informationen direkt aus erster Hand. Ein wesentliches Element in der Normung ist die Chance, ein umfassendes Netzwerk auszubauen – ein großer Nutzen der Mitarbeit in der Normung. In Österreich sind ca. 800 Experten in elektrotechnischen Normungsgremien aktiv tätig, man trifft hier auf Vertreter der Behörden, der Industrie und aus der eigenen Branche – der Austausch zwischen Experten ist ein Vorteil, der durch nichts aufzuwiegen ist. Man erfährt und diskutiert Probleme, die Lösungen finden sodann Eingang in das Normenwerk oder in unterstützende Literatur, wie die OVE-Fachinformationen. Wie gesagt, betrifft das nicht nur die Normung auf nationaler Ebene, sondern vor allem die internationale Ebene. 80 % der Europäischen Normen sind ident mit oder basieren auf den internationalen IEC-Normen, auch der Errichtungsbereich ist mittlerweile international geworden. Von den insgesamt ca. 6.000 Normen im elektrotechnischen Bereich, die wir verwalten, sind nur mehr 5 % rein nationale Normen, alle anderen haben bereits europäischen oder internationalen Hintergrund.

Warum gibt es (noch) kein Gütesiegel für normgerechte Installation, auf das sich der Konsument verlassen kann?

Gabriel: Normenkonformitätskennzeichen, wie das OVE-Prüfzeichen, gibt es vorerst nur für Betriebsmittel. Im Bereich der Elektroinstallation kennen wir die Möglichkeit einer Herstellerselbsterklärung, wobei der Hersteller, also der Errichter der Anlage, nach Beendigung der Arbeiten ein entsprechendes Prüfprotokoll gemäß Norm zu übergeben hat. Hier deklariert der Errichter, dass die elektrische Anlage den anzuwendenden Normen entspricht. Im Produktbereich kennt man eine ähnliche Vorgehensweise der Herstellerselbsterklärung im Rahmen der CE-Kennzeichnung, wobei hier nicht direkt von der Normenkonformität, sondern von der Erfüllung sogenannter wesentlicher Anforderungen an das Produkt ausgegangen wird. Zurzeit gibt es Beratungen mit der Behörde, sich mit einem ähnlichen Ansatz im Errichtungsbereich dem oft diskutierten Thema Verbindlichkeit anzunähern.

Anfang nächsten Jahres soll die aktualisierte Errichtungsbestimmung für Niederspannungsanlagen OVE E 8101 veröffentlicht werden – was wird sie mit sich bringen?

Gabriel: Die OVE E 8101 wird die langjährige ÖVE/ÖNORM E 8001 und die zugehörigen Teile ablösen, das Konzept der OVE E 8101 ist völlig neu. Gemeinsam mit der Elektroinnung und anderen Partnern haben wir die Notwendigkeit gesehen, die Struktur den europäischen Vorgaben anzugleichen. Die Struktur des europäischen Harmonisierungsdokumentes wurde schließlich übernommen, womit wir nun den gleichen inhaltlichen Aufbau wie unsere deutschen und schweizerischen Kollegen haben. Dem schweizerischen Vorbild folgend, haben wir uns auch dazu entschlossen, ein einziges Konvolut herauszugeben. Jetzt gibt es also nur mehr ein einziges Dokument, das in Abständen von vier bis fünf Jahren veröffentlicht wird. Für den Endanwender hat das den Vorteil, dass er mit dieser einen Bestimmung über einen längeren Zeitraum arbeiten kann, ohne sich laufend um Änderungen kümmern zu müssen, im Hintergrund arbeiten die Experten in der Zwischenzeit an der Aktualisierung dieses Normenwerkes. So wird es mit Anfang 2019 die OVE E 8101 als eine Norm geben, die ihre Gültigkeit für die nächsten vier bis fünf Jahre besitzt.

Böse Stimmen behaupten, dass diese vier bis fünf Jahre durchaus für das Verstehen der Norm notwendig sind. Wird es nicht tatsächlich immer komplexer?

Gabriel: Was die Komplexität im Allgemeinen betrifft: leider ja. Ich vertrete den Standpunkt, dass nicht die Anzahl der Normen ein Qualitätsmerkmal ist, sondern vielmehr der verständliche Inhalt. Weniger ist oft mehr. Wir können diesbezüglich mit Beratung und durch Schulungen Hilfestellung leisten. Bezüglich der OVE E 8101 planen wir zurzeit den Ausbildungsbedarf gemeinsam mit unserer OVE-Akademie, um den Paradigmenwechsel für den Anwender einfach und verständlich zu machen. Bei den grundsätzlichen Sicherheitsbestimmungen ändert sich nicht viel, aber der Zugang, der Aufbau ist doch ein anderer und hier müssen wir entsprechende Informationen weitergeben.

Herr Gabriel, vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch!

www.ove.at

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