Nötigung durch den Staat?

Die europäische Wirtschaft, ihre Rahmenbedingungen und die hier handelnden Personen bekommen in vielerlei Hinsicht immer mehr Ähnlichkeit mit ihren Pendants von jenseits des Atlantiks. Ganz egal ob seitenlange AGBs, die sich im Wochenrhythmus ändern, Lieferverträge, die zur Folge haben, dass nur die Anwälte als Gewinner hervorgehen, oder Verhandlungen, die das Prinzip der Partnerschaft zutiefst in Frage stellen – in Anbetracht dieser Veränderungen liegt der Gedanke nahe, dass sich Europa immer mehr von seinen alten Grundwerten entfernt. Das Prinzip der »Handschlagfähigkeit« ist auch hierzulande leider längst Geschichte. Dass viele Protagonisten gerne anders handeln würden, zeigt das Ergebnis der Abstimmung, die kürzlich im Rahmen des Fachkongresses der IG Lebenszyklus Hochbau durchgeführt wurde. Die Initiatoren der Veranstaltung unter dem Titel »Drei Säulen erfolgreicher Bauprojekte – Organisation, Kultur, Prozesse« befragten die Gäste aus der Bauwirtschaft und den zuliefernden Branchen, wieviel »Partnerschaftlichkeit« Bauprojekte vertragen. Überraschenderweise antworteten 74% mit »Verträge, die auf Partnerschaftlichkeit und Fairness beruhen, sind die Basis für erfolgreiche Bauprojekte«. Nur 6% waren der Meinung, dass »partnerschaftliche Verträge in der Bauwirtschaft nicht realistisch sind«. Das Prinzip von »leben und leben lassen« scheint aber in vielen Fällen nur Wunschdenken zu sein. Ein gutes Beispiel ist die derzeit laufende öffentliche Ausschreibung der Asfinag für die Wiener Stadtautobahn (ein Auszug daraus siehe Anhang) – die allseits bekannte und »berühmt-berüchtigte« Südost-Tagente. Dem Vernehmen nach sorgt der Teil der Beleuchtung für großen Unmut unter den betroffenen Anbietern und deren Umfeld. Doch was ist geschehen? Nun, die Mindestforderung der Asfinag lautet, dass die Hersteller eine Garantie von zumindest fünf Jahren auf ihre Produkte abgeben müssen. Soweit, so gut. Der springende Punkt ist allerdings das dabei zur Anwendung kommende spezielle »Regelwerk«, das einen Anbieter in eine bessere oder schlechtere Position für die Auftragserteilung bringen kann. Denn Hersteller, die der Asfinag zehn Jahre Garantie versprechen, haben dementsprechend bessere Karten bei der Vergabe als jene, die dieser Forderung nicht nachkommen können oder wollen. Diese Anforderung alleine wäre ja noch kein Problem für die anbietenden Qualitätshersteller aus der Leuchtenbranche. Perfide wird es allerdings, wenn man »das Kleingedruckte« genauer betrachtet. Denn in einem der erwähnten Punkte fordert die Asfinag von jenem Hersteller, der schlussendlich den Zuschlag bekommen wird, dass er nicht nur die Leuchten auf seine Kosten ersetzt, die innerhalb dieser 10 Jahre defekt werden, sondern dass er, wenn mehr als 20% der Leuchten innerhalb des Zeitraumes den Geist aufgeben, 100% (!) der Leuchten auszutauschen hat. Das Zeitliche segnen würden dann wohl viele Firmen, die sich auf dieses Geschäft einlassen. Abgesehen davon, dass der Auftragnehmer die Auftragssumme nun zehn Jahre rückstellen und im Extremfall tatsächlich die komplette Anlage tauschen müsste, ist die Forderung an sich eine Beleidigung an jede Art von Partnerschaftlichkeit. Klare Verträge sind zwar ein Mittel, um sich vor den Unannehmlichkeiten eines langwierigen Rechtsstreites zu schützen – das ist allerdings ein Beispiel dafür, wie man selbst im harten Geschäftsleben nicht miteinander umgehen sollte. Die ehemaligen Einkäufer der eben erst in Konkurs geschlitterten Baumarktkette können davon sicherlich nun auch ein Lied singen. Denn so lange man aus der Position des (scheinbar) Stärkeren agierte, waren Forderungen – und sei es noch so überzogene – relativ leicht durchsetzbar. Jetzt, wo die meisten unter den Betroffenen keine Machtposition mehr innehaben, fällt es ihnen wie Schuppen von den Augen: Man begegnet sich im Leben selten nur einmal … und Menschen neigen dazu, nachtragend zu sein.

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