Messbarer Erfolg

Wenn Firmen wachsen, stellt sich früher oder später die Frage, auf welche Weise man räumlich expandieren soll. Die Infineon Technologies AG, gegründet 1999 infolge der Auslagerung der Halbleitersparte aus dem Siemens-Konzern, wählte eine zukunftsfähige Lösung und entschied sich für einen neuen Bürostandort in München-Neubiberg, der die Konzernzentrale und Hauptniederlassung angemessen und modern repräsentieren sollte. Architektonisch ist der Gebäudekomplex einem Campus nachempfunden, was auch die Namensgebung für das Areal beeinflusst hat: Campeon setzt sich zusammen aus den Begriffen »Campus« und »Infineon«.

Konzipiert wurde der Campus für 6.500 Mitarbeiter, im Sommer 2004 begannen die Bauarbeiten, seit April 2006 werden sämtliche Büro- und Laborflächen genutzt für die Entwicklung und den Testbetrieb ausgewählter Produkte – Infineon entwickelt Halbleitertechnologien und Systemlösungen für komplexe Schaltungen in der Mikroelektronik. Kunden kommen vornehmlich aus der Kommunikationstechnik und der Automobilindustrie.

Das Campeon bietet eine Bürofläche von insgesamt 150.000 m², die Grundfläche umfasst immerhin 62 ha. Die Gebäudesubstanz verteilt sich auf sechs einzeln stehende Module mit jeweils gleicher Aufteilung. Jedes Modul wiederum ist in zwei separate Gebäude unterteilt, die allein über das Kellergeschoss miteinander verbunden sind – hier sind die Tiefgaragen platziert.

Gebäudevisualisierung für sämtliche Räume

In der Gebäudeausstattung hat Infineon konsequent auf KNX/EIB gesetzt, im Campeon sind über 10.000 KNX-Geräte im Einsatz, die vor allem Beleuchtung und Jalousien steuern. Um eine einheitliche Visualisierung aller KNX-Komponenten zu gewährleisten, holte sich die »ARGE Campeon Ausführung«, ein Zusammenschluss aus mehreren Bauunternehmen, System-Integrator Helmut Lintschinger aus Andechs mit ins Boot, der Erfahrung bei der Programmierung und Visualisierung komplexer Großobjekte mitbringt. In jedem der sechs Gebäudemodule hat er einen Gira HomeServer/FacilityServer installiert und somit sechs eigenständige KNX-Welten geschaffen, wobei diese miteinander gekoppelt sind – im Modul A dient der Gira HomeServer/FacilityServer als zentraler »Master«, er erhält sämtliche Informationen von den fünf anderen Geräten über TCP/IP.
Die von Helmut Lintschinger installierte Visualisierung zeigt die Sonnenschutzsteuerung, die Klappladensteuerung für den Winter, eine Rohrbegleitheizung, die RWA-Anlage, die Außen- und Tiefgaragenbeleuchtung sowie ein Parkleitsystem. Die Bedienung erfolgt über zwei Touchpanels im Empfangsbereich und im Sicherheitszentrum vom Campeon.

Energiemanagement in zwei Ausbaustufen

Wie in fast allen gewerblich genutzten Gebäuden zeigte sich auch im Campeon, dass der Energieverbrauch extrem hoch war – mit entsprechenden Folgekosten im Lauf der Jahre. Infineon entschied sich deshalb im Jahr 2008, die Möglichkeiten der modernen Gebäudesystemtechnik zur Energieeinsparung zu nutzen. Dazu konnte man die vorhandene KNX/EIB-Infrastruktur nutzen und zudem auf die bestehende Visualisierung aufsetzen. Gemeinsam mit Hans-Dieter Albrecht, Fachabteilungsleiter Elektrotechnik im Facility-Management von Infineon, hat Helmut Lintschinger ab 2008 ein Konzept in zwei Ausbaustufen entwickelt und umgesetzt.

Die Aufgabenstellung der ersten Stufe bestand darin, die Beleuchtung immer dann abzuschalten, wenn sie nicht benötigt wird, etwa nachts und am Wochenende, aber auch bei ausreichendem Tageslichteinfall. Dabei sollten bauliche Eingriffe so gering wie irgend möglich gehalten werden, also keine Bewegungsmelder zum Einsatz kommen. Als größte Stromverbraucher fürs Licht wurden die Großraumbüros und die offenen Flure identifiziert: In ihnen sind unzählige Einbau-Downlights installiert, bei denen man nur schwer erkennen kann, ob sie brennen oder nicht – deshalb blieben sie oft angeschaltet. Hier setzt die Lösung an: Die Büro- und Flurbeleuchtung – 353 Leuchten auf einer Gesamtfläche von nahezu 34.000 m² – wird rechtzeitig abgeschaltet.

Dazu wertet der Gira HomeServer/FacilityServer über die Wetterstation auf dem Dach die Helligkeit aus und errechnet die Brenndauer der Leuchten, die manuell eingeschaltet werden. Voraussetzung dafür war, dass im Campeon der Tageslichteinfall ins Gebäude proportional zur Außenhelligkeit verläuft. Das daraus abgeleitete Prinzip: Je heller es draußen ist, umso kürzer ist die Leuchtphase in den Fluren. Morgens und abends, wenn die Flure intensiv genutzt werden, ist diese automatische Abschaltung über einen definierten Zeitraum außer Funktion gesetzt.

Auch das Licht in den Treppenhäusern – 69 an der Zahl mit einer Gesamtfläche von fast 1.500 m² – wird nach einer definierten Zeit wieder ausgeschaltet. Um Unfälle zu vermeiden, warnt zuvor ein dreimaliges Blinken. Ähnliches wurde für die knapp 300 Toiletten sowie 240 WC-Vorräume im Campeon realisiert. In einer Optimierungsstufe konnte die Lichtsteuerung noch verfeinert werden – in den Vorräumen ist die Leuchtzeit jetzt kürzer als in den WCs selbst. In den 182 Nebenräumen schließlich wird das Licht zyklisch nach Arbeitsschluss abgeschaltet. Nun brennt etwa im Lager das Licht nicht mehr versehentlich die ganze Nacht über.

Aufgrund der sofort sichtbaren Senkung des Stromverbrauchs wurde in einer zweiten Ausbaustufe das Energiemanagement im Campeon stark erweitert. Mit einbezogen sind inzwischen 56 Tiefgaragenabgänge, 255 Meeting- und 5 Konferenzräume, 186 gläserne Besprechungszimmer, 103 Teeküchen sowie 12 Fahrradfahrerduschen – insgesamt rund 13.000 m². Die Beleuchtung wird in diesen Bereichen um 22:00 Uhr zyklisch ausgeschaltet. So ist sichergestellt, dass kein Licht über Nacht brennt. Auch das Rechenzentrum des Büro- und Laborkomplexes mit knapp 1.500 m² ist in diese Steuerung mit eingebunden.

Nachweisbarer Erfolg bei der Energieeinsparung

Dass das von Helmut Lintschinger konzipierte und realisierte Energiemanagement erfolgreich ist, kann Infineon inzwischen mit harten Zahlen belegen. Dazu wurden zwei Zeitfenster vor und nach der Installation miteinander verglichen. Es zeigte sich, dass allein im Bürobereich in den Monaten Juli bis einschließlich September 2009 knapp 850.000 kWh Strom gegenüber dem Vergleichszeitraum im Vorjahr eingespart werden konnten. Umgerechnet bedeutete dies eine Ersparnis von rund 81.000 Euro bei Bewertung der firmeninternen Energieverrechnung. Infineon denkt deshalb bereits über weitere Energieeinsparmaßnahmen nach. Und Helmut Lintschinger hat da schon einige Ideen parat.

Anerkennung erfuhr das Campeon-Projekt überdies von berufener Warte: Während der Light+Building 2010 wurde Helmut Lintschinger dafür der KNX Award in der Kategorie »KNX Energy Efficiency Award« verliehen. Überreicht wurde der Preis in einer feierlichen Zeremonie, an der rund 1.200 Gäste aus über 50 Ländern teilnahmen. Für den KNX-Award waren 5.136 Projekte aus 42 Ländern eingereicht worden. Für Helmut Lintschinger ist der Preis zugleich eine Würdigung seines unermüdlichen Einsatzes für das KNX/EIB System: „Ich habe mich schon früh auf KNX/EIB konzentriert und immer fest an den Erfolg geglaubt, auch als dieser noch gar nicht abzusehen war.” Jetzt sieht er seine Pionierleistung auf diesem Gebiet endgültig bestätigt.

www.gira.de
www.infineon.com
www.eib-tech.com

ähnliche Beiträge

Kommentar verfassen