Keine Angst vor Google?

Im Rahmen unseres Besuchs des Busch-Jaeger-Living Space Experience Centers in Utrecht trafen wir uns zu einem exklusiven Gespräch mit ABB-Manager Tobias Schlitzer. Gemeinsam mit ihm unternahmen wir eine Zeitreise durch die Geschichte der Gebäudeautomation – oder anders formuliert: Smart Home, gestern, heute, morgen…

Herr Schlitzer, vergleicht man KNX von vor 20 Jahren mit KNX von heute, was hat sich technisch aus Ihrer Sicht getan?
DI Tobias Schlitzer, Regional Sales Manager Building Automation, Europe: Die Anzahl der Hersteller, die Produkte und Lösungen, die das KNX-System anbieten bzw. mit ihm angeboten werden, hat sich deutlich erhöht. Wir reden dabei von über 300 Herstellern in der sogenannten KNX-Association. Das heißt auch, dass viel mehr Lösungen und Applikationen in dem System miteinander verknüpft und eingebunden werden können. KNX ist ursprünglich sehr stark auf das Thema Beleuchtungssteuerung und Klimasteuerung limitiert gewesen. Heute können wir alles anbieten – von Entertainment-, Audio-, Videolösung über Luftgütesteuerung, energieeffiziente Lösung etc. Das Spektrum wurde sehr weit gefächert.

Was hat sich in Bezug auf die Zusammenarbeit mit den Elektrotechnikern getan? Wie aufgeschlossen war man damals? Wie aufgeschlossen ist man heute?
Schlitzer: Aufgrund meines Alters war ich vor 20 Jahren noch nicht dabei. Aber KNX hat sich definitiv als Standard durchgesetzt. Es ist auch der einzige weltweite Gebäudeautomationsstandard.

Im Rahmen unseres Besuchs des Busch-Jaeger-Living Space Experience Centers in Utrecht trafen wir uns zu einem exklusiven Gespräch mit ABB-Manager Tobias Schlitzer.Trotzdem liegt man in der Verbreitung des Systems bezogen auf die Anzahl der Neubauten bei deutlich unter 10 %?
Schlitzer: Das ist richtig. Natürlich müssen wir uns die Frage stellen, wie wir es schaffen, noch mehr Installateure an Bord zu holen. Viele scheuen vielleicht den Aufwand, sich im Rahmen einer Schulung zertifizieren zu lassen. Der Vorteil von KNX, dass die einzelnen Lösungen herstellerübergreifend und kombinierbar sind, hat natürlich den »Nachteil«, dass es nur eine Inbetriebnahme-Software gibt, die alle Anbieter miteinander vereint. Der Installateur muss diese Software erwerben und dafür eine Lizenz kaufen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist vielleicht auch, dass manche Konsumenten sich davor scheuen, ein System einbauen zu lassen, bei dem sie jedes Mal einen Techniker rufen müssen, wenn sie kleine Veränderungen vornehmen möchten. Das hat vielleicht bisher dazu geführt, dass diese Form der Installation von der breiten Masse noch nicht angenommen wurde. Im »Commercial-Bereich« – z. B. im kommerziellen Büro-Bau – ist KNX meiner Meinung nach nicht mehr wegzudenken und heutzutage als Standard zu sehen.

Was hat sich aus der Sicht der Konsumenten im Laufe der Jahre getan?
Schlitzer: Aus Sicht der Konsumenten ist vor allem das von mir eingangs erwähnte Variantenspektrum zu nennen. Viel mehr Themen können miteinander verbunden werden.

Anders formuliert: Wie aufgeschlossen ist man damals gewesen und wie aufgeschlossen ist man heute?
Schlitzer: Wie man an der Digitalisierung erkennen kann, ist die Bevölkerung viel empfänglicher gegenüber der Technologie (Schlagwort: »digital natives«). Die Menschen gewöhnen sich immer mehr daran, Technologie zu benutzen. Früher war man vielleicht ein bisschen zurückhaltend und ängstlich, wenn es darum ging, dass sich die Beleuchtung automatisch ein- und ausschaltet. Man hatte vielleicht das Gefühl, dass man nicht mehr Herr seiner eigenen vier Wände ist. Heute ist es fast schon selbstverständlich, dass sich Lichtquellen automatisch ausschalten, sobald man für 10 Sekunden nicht mehr in einem Raum ist und der Kunde weiß, dass er dadurch Energie sparen kann. Diese Entwicklung hat sicherlich dazu geführt, dass der Technologie viel mehr Akzeptanz von den Nutzern entgegengebracht wird.

Als vor zwei Jahren Busch-free@home auf der Light+Building von Ihrem Unternehmen vorgestellt wurde, hatte man das Gefühl, dass das System die Elektrotechniker polarisiert. Da gab es jene, die KNX-erfahren waren und Busch-free@home kritisch gegenüber standen und jene, die bis dahin keine Bus-Erfahrung vorweisen konnten und Busch-free@home aufgeschlossen gegenüber standen. Gibt es diese Gruppenbildung nach wie vor?
Schlitzer: Ja, die gibt es noch. Das ist tendenziell aber auch gewollt. Busch-free@home hat natürlich eine ganz klar definierte Zielgruppe: Das sind jene Installateure, die vor Busch-free@home eben noch kein Gebäudeautomationssystem benutzt und in den Projekten eingesetzt haben. Diesen Installateuren wollen wir mit dem Thema Busch-free@home helfen, die nächste Stufe der Gebäudeautomation zu erreichen und von der konventionellen Installation auf eine automatisierte, smarte Lösung überzugehen.

Trägt diese Strategie auch Früchte?
Schlitzer: Ja, sie funktioniert. Der Erfolg von Busch-free@home zeigt, dass wir ganz klar auf dem richtigen Weg sind. Ursächlich hierfür ist unter anderem die einfache und intuitive Inbetriebnahme bzw. Bedienung des Systems. Unser Ziel bei Busch-free@home war es, von Anfang an so nah an der Art und Weise der konventionellen Installation dran zu sein wie möglich. Der Installateur, der Busch-free@home in Betrieb nimmt, muss sich vom Start weg wohl und zu Hause fühlen.

Ist eine fix verkabelte Lösung, wie KNX oder auch Busch-free@home, im Zeitalter des »Internet of things« noch zeitgemäß? Hier arbeitet man ja bekanntlich mit den verschiedensten Funksystemen oder anderen Übertragungssystemen. Wird die verkabelte Lösung trotzdem Standard bleiben?
Schlitzer: Meine persönliche Einschätzung ist, dass für Neubauten eine Verkabelung Standard bleiben wird, weil Funk – egal welches Medium man nimmt oder über welches Protokoll wir reden – immer den Nachteil haben kann, dass bedingt durch die bauliche Konstruktion, z. B. durch Metall in den Betonwänden, die Reichweite limitiert werden kann. Deshalb gehe ich davon aus, dass Neubauten immer mit einer dedizierten Verkabelung ausgestattet sein werden. Man kennt das von unseren Telefonen, manchmal hat man keinen Empfang – das kann bei Funklösungen auch passieren. Natürlich sind Funklösungen aber die deutlich besseren Drahtloslösungen, wenn es um das Thema Retrofit-Renovation geht. Dazu kann ich nur sagen: Lassen Sie sich überraschen und besuchen Sie auf der Light+Building unseren Stand! Denn anlässlich der Messe in Frankfurt werden wir etwas Neues präsentieren, das in den von Ihnen angesprochenen Bereich hineinspielt.

Man weiß – unter anderem von Google – dass man Systeme über die Cloud kommunizieren lassen möchte. Durch den Datenaustausch vieler Systeme über die Wolke sollen die einzelnen Systeme profitieren und intelligenter werden. Ist das ein Weg, der auch für das Gebäude sinnvoll ist oder angedacht wird – Systeme, die durch den Kommunikations- oder Datenaustausch lernen?
Schlitzer: Meiner Meinung nach ist das sicherlich sinnvoll. »Mozaiq« geht in diese Richtung. Die Software-Plattform – ein Joint Venture von ABB, Cisco und Bosch – erlaubt einfachen Datenaustausch zwischen unterschiedlichen Geräten und ermöglicht zahlreiche neue Dienstleistungen. Die unterschiedlichen Lösungen, egal von welchem Hersteller sie kommen, können über eine offene Softwareplattform oder einen offenen Standard miteinander kommunizieren und somit Daten austauschen. Es gibt immer mehr intelligente Geräte, die in unsere Haushalte Einzug halten, und je mehr die Anzahl dieser Geräte wächst, umso mehr machen Kombinationen und Lösungen zwischen diesen Geräten Sinn. Und dazu braucht man eine Plattform/Schnittstelle, damit diese Geräte miteinander kommunizieren können.

Dabei handelt es sich aber um eine Kommunikationsplattform bzw. auch Schnittstellen, aber noch keine, über die Systeme voneinander lernen …
Schlitzer: Das ist richtig – aber ABB verfolgt auch nicht den Weg, Daten oder Konsumenten-Verhalten zu speichern. Das ist nicht unser Geschäftsmodell, aber wir bieten die Möglichkeit des Austausches über diese Plattform. Das Speichern der Daten überlassen wir den Spezialisten auf diesem Gebiet. Firmen wie Google oder auch in Zukunft Facebook – letzte Woche hat Mark Zuckerberg erklärt, welche Ambitionen und Ziele er im Bereich der Artificial Intelligence (Künstliche Intelligenz) hat – sind »große Unternehmen«, die sehr Endkunden-nahe sind und für Themen wie »connected homes« und »smart living« Werbung machen. Das kann uns allen eigentlich nur zugute kommen. Denn so werden Kunden noch mehr affin für diese Themen und noch offener. Wir können dann mit unseren Lösungen, die wir über den professionellen dreistufigen Vertrieb anbieten, in die Gebäude Einzug halten.

Sie haben keine Bedenken dabei, links oder rechts von Google & Co. überholt zu werden?
Schlitzer: Nein, weil ich nicht glaube, dass Google morgen Steckdosen produziert, die über den Elektroinstallateur in Gebäuden verbaut werden.
Google hat aber zum Beispiel Nest gekauft …
Schlitzer: Ja, das haben sie. Einen solchen »stand alone«-intelligenten Rauchmelder könnten wir dann auch über die angesprochene Plattform »Mozaiq« mit unserer Gebäudeautomation verknüpfen. Dann würden im Falle eines Alarms zum Beispiel die Jalousien hochfahren, sich die Türen öffnen, die Notbeleuchtung einschalten etc. Ich habe an dieser Stelle überhaupt keine Bedenken, weil ich noch immer glaube, dass die Installation der Gebäude in den nächsten Jahren über einen professionellen Elektroinstallateur erfolgen wird, der die Produkte weiter von uns bezieht. Die erwähnten Google-Geräte und Systeme können dann wahrscheinlich vom Endkunden gekauft und von uns miteingebunden werden.

Herr Schlitzer, wir bedanken uns herzlich für das Gespräch!

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