Solarmodule werden auf einem Giebeldach montiert.
Die Bundesländer bevorzugen beim Photovoltaikausbau die Dachflächen. Zum einen sind diese bereits vorhanden, zum anderen schreiben manche Länder PV-Anlagen bei Neubauten vor. (Bild: Fotolia)

PV-Kongress des Bundesverbandes Photovoltaic Austria:

Gretchenfrage: Dachfläche oder Freifläche?

Wo sollen die Anlagen errichtet werden, die unsere Energieversorgung der Zukunft sicherstellen? Das war eine der brennenden Fragen des heurigen Photovoltaik-Kongresses, den der Bundesverband Photovoltaic Austria ausgerichtet hat. Die Veranstaltung bot aber nicht nur unterschiedliche Sichtweisen, sondern gab auch Anlass zur Freude – durch gute Neuigkeiten und durch die Effekte, die der PV-Ausbau mit sich bringen wird.

von Moritz Hell

»Nur gemeinsam gelingt die Solarrevolution« lautete das Motto des diesjährigen PV-Kongresses, also war es nur logisch, dass der Vorstandsvorsitzende des Bundesverbandes Photovoltaic Austria, Herbert Paierl, sagte: „Ein Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz ohne Mitwirkung der Länder und Gemeinden ist Makulatur.“ Damit dieses Gesetz, das EAG, eben kein nutzloses Papier ist, hatte der Bundesverband die zuständigen Vertreter der neun Bundesländer eingeladen, ihre bisherigen Leistungen und ihre Pläne für die Zukunft vorzustellen. Die einzelnen Stellungnahmen sind der Box zu entnehmen, allen Ländervertretern gemein war eine Priorisierung der Photovoltaik auf Dachflächen. Einzig das Burgenland gab „doch auch ein Bekenntnis zu Freiflächen“ ab, wie Moderator Florian Aigner zusammenfasste. Der Bundesverband würde ob des großen Potenzials gerne mehr und schneller Freiflächen bespielen. „Es wird ohne geeignete Freiflächen nicht funktionieren“, hielt Paierl fest und räumte mit dem eingeschobenen Adjektiv „ein grobes Missverständnis“ auf. Denn „die Freiflächen-Photovoltaik ist keine Bodenversiegelung per se.“

Ein Grund für die Zurückhaltung bei PV auf Freiflächen dürfte der Kostenfaktor sein – fälschlicherweise. Kurt Leonhartsberger von der FH Technikum zeigte anhand einer Umfrage, „dass die Montageart bei größeren Anlagen den Preis nur mehr gering beeinflusst.“ Bei Anlagen ab 250 kW macht es preislich kaum einen Unterschied, ob auf einem Giebeldach oder einer Freifläche montiert wird. Vera Immitzer, die Geschäftsführerin des Photovoltaic Austria, kritisierte darum die Förderpläne: „Es ist im EAG nicht gerechtfertigt, dass es für diese Anlagen einen Abschlag in der Förderhöhe von 25 % gibt.“

Langjährige Forderung der Branche erfüllt

Eine positive Nachricht die Förderungen betreffend hatte Ingmar Höbarth zu vermelden. Der Klima- und Energiefonds (KLIEN), dessen Geschäftsführer Höbarth ist, hat momentan einen Fördertopf mit Rekordbudget. Binnen dreier Jahre stehen 80 Millionen Euro für die PV-Förderung zur Verfügung. Die Laufzeit des Topfes ist ein weiterer Grund zur Freude. „Ich bin sehr froh, dass unser langjähriges Bemühen, endlich Planbarkeit für die Photovoltaik zu bekommen, in Folge dieses Konjunkturpakets innerhalb dieser drei Jahre gegeben ist. Und ich wünsche mir, dass das auch in Zukunft mit Mehrjahrespaketen gelöst wird“, sagte Höbarth. Mit der neuen Förderung können nun auch Anlagen mit 50 statt wie bisher nur bis 5 kW unterstützt werden.

Für den weiteren Ausbau der PV hat der KLIEN eine Koordinierungsstelle für Energiegemeinschaften eingerichtet. Die bürokratischen Abläufe sollen dank ihr schneller, transparenter und effizienter werden. Die Einrichtung wird Energiegemeinschaften in der Frage der Organisationsform beraten und zwischen der Gemeinschaft und dem Ministerium sowie der E-Control koordinieren. Kurzum, die Eintrittsschwelle in die nachhaltige Energiegewinnung soll gering sein. „Uns ist wichtig, die Bürgerinnen und Bürger aktiv an der Energiewende zu beteiligen“, merkte Umweltministerin Leonore Gewessler in einer Videobotschaft an. So könnten Energiegemeinschaften die Akzeptanz für die dezentrale Energieversorgung fördern. Zudem ist Klimaschutz nicht nur Selbstzweck, sondern „bietet Wachstumschancen für die Industrie und schafft neue Arbeitsplätze, mit denen wir auch unsere Regionen stärken können. Mit dem EAG werden wir bis zu 30 Milliarden Euro an Investitionen auslösen.“

In Sachen Stromnetze meldeten sich auf dem Kongress zwei warnende Stimmen. Karin Emberger von der E-Control sagte, das österreichische Stromnetz sei nicht darauf ausgelegt, wie es 2030 sein soll. 10 bis 18 Milliarden Euro müssten darum ins Stromnetz investiert werden. Franz Strempfl, Geschäftsführer der Energienetze Steiermark und Spartensprecher Netze bei Österreichs Energie, sieht die Netzbetreiber enormem Kostendruck ausgesetzt: „Wir bauen das System am lebenden Herzen um!“

Vom Exoten zum Dominator

Kurz vor Ende des Kongresses sorgen Bernhard Strohmayer und Hubert Fechner für gute Laune. Strohmayer vom deutschen Bundesverband Neue Energiewirtschaft (BNE) erinnerte daran, dass die PV es geschafft hat, „ihre Leistungsversprechen einzuhalten.“ Fechner von der Technologieplattform Photovoltaik ging ins Detail. „Als ich begonnen hab, mich damit zu beschäftigen, hat es geheißen, diese Technologie würde nie systemrelevant werden, weil sie viel zu teuer und exotisch wäre. Mittlerweile sind wir an einem Punkt, an dem die PV die günstigste Technologie ist und drauf und dran, die vielleicht dominanteste Form der Energieerzeugung zu werden. Und wenn man sich die Situation weltweit anschaut, übertrifft die Entwicklung in der PV bei weitem alle anderen Entwicklungen im Energiesektor.“ Jeder werde in Zukunft in irgendeiner Form mit PV zu tun haben, meint Fechner. „Es gibt keine dezentralere Energieerzeugung als die PV“, das bedeute auch: „Jeder hat die Möglichkeit, mit dieser Technologie umzugehen.“

 

So planen die Bundesländer

Sara Schaar, Kärnten: „Wenn wir österreichweit das Potenzial auf den Dächern nutzen, dann werden wir 13 TWh rein von dort bekommen.“ 11 TWh sind gefordert. „Ich verstehe die Lobby nicht, die auf die Freiflächen will, denn wir haben ganz viel Potenzial auf den Dächern. Wenn wir in Kärnten nur 50 Prozent der verfügbaren Dachflächen nutzen, dann schaffen wir pro Jahr – wenn wir 900 kWh pro Quadratmeter ausbauen – 3,3 TWh.“ Geplant ist ein Zuwachs von 1,1 TWh. Daher priorisiert Kärnten die Gebäude-PV, danach kommen Flächen bei Auto- und Eisenbahnen und Deponien. Schaar ruft dazu auf, sozial gerecht die Menschen mitzunehmen: „Das sieht das derzeitige EAG leider nicht vor. Wenn die Menschen spüren, dass die Energiewende sozial gerecht ist, sind sie auch bereit, mitzugehen.“ Sie warnt, gerade wegen der derzeitigen Wirtschaftskrise, davor, dass jene, die PV nicht nutzen können, auf höheren Stromkosten sitzen bleiben würden.

Herbert Greisberger, Niederösterreich: „Wir erzeugen den Strom zu einem Drittel aus Windkraft und zu 4 Prozent aus PV. Niederösterreich hat all seine Gebäude, 220 an der Zahl, auf PV-Potenzial geprüft. Auf 150 davon wird nun eine PV-Anlage errichtet.“ Greisberger sieht das Potenzial in Niederösterreich zuerst auf Dächern.

Markus Achleitner, Oberösterreich: „Ökonomie und Ökologie sind kein Widerspruch, sondern hebeln sich gegenseitig im besten Sinne. Wir haben in Oberösterreich rund 75.000 Dächer, die größer als 400 m2 sind, auf die wollen wir hinauf. Die zweite Priorität werden versiegelte Flächen sein, also Parkplätze, Überdachungen, Verkehrswege usw. Das Dritte sind Freiflächen, vor allem die, die anderweitig schon benutzt sind, z.B. Deponien.“ Früher habe das Bundesland viele Unterlagen verlangt, bevor eine Bewilligung erteilt wurde, heute sei vieles bewilligungsfrei. „Es ist wichtig, dass die Bürokratie abnimmt.“

Astrid Eisenkopf, Burgenland: „Wir sind das Bundesland mit den meisten Sonnenstunden, da liegt der PV-Ausbau nahe. Im Moment erzeugen wir rund 150 Prozent unseres Eigenstrombedarfs aus erneuerbaren Energien, derzeit vor allem aus Windkraft.“ Wie in anderen Bundesländern beruht die burgenländische Strategie auf Dächern. Aber: Der Ausbau soll parallel vonstattengehen. „Wir werden nicht herumkommen, auch auf Freiflächen zu gehen.“

Ursula Lackner, Steiermark: Die Steiermark hat 2019 342 GWh durch PV produziert. Umgelegt auf die Bevölkerung, sind das 276 kWh pro Person. „Im Bundesländervergleich ist das der erste Platz“, merkt Lackner an. Es brauche Mobilisierung von bereits versiegelten und vorbelasteten Flächen und Doppelnutzung, wo diese sinnvoll ist. Neubauten ab einer bestimmten Größe sollen mit PV ausgestattet werden.

Gerhard Löffler, Salzburg: Derzeit sind 110 MW PV in Betrieb. „Wir sehen das größte Potenzial in großen Dachflächen, Dachflächen von Gewerbe, Industrie und öffentlichen Bauten. Wir setzen auch große Hoffnungen in das EAG und in Energiegemeinschaften. Den Rest des Potenzials werden rund zur Hälfte Kleinanlagen auf privaten Wohngebäuden ausmachen, die andere Hälfte soll in die Freifläche gehen. Hier gilt der Vorzug von vorbelasteten Flächen.“ Die Frage Freiflächen vs. Dächer sieht Löffler als „Spannungsfeld“.

Moderator Aigner attestiert dem Tiroler Leo Satzinger, ein „Faktenfeuerwerk“ abgeliefert zu haben. „Bei PV sind wir nicht Weltmeister“, gibt Satzinger zu, die Wasserkraft ist Tirols Stärke. Laut dem Bericht von 2019 waren bzw. sind 8.100 PV-Anlagen am Netz, deren Leistung 114 MW beträgt. Dies wiederum ist eine Steigerung von 12,1 MW gegenüber dem Jahr davor. Tirol hat Dachflächen mit einer Größe von 86 Millionen m2. „Wir könnten als Zielsetzung definieren, 65 % aller Dachflächen sollten für PV genutzt werden. Dieser Ausbaupfad sieht eine Priorität für Dachanlagen vor. Für den Wohnbau wäre es erforderlich, eine Anlagengröße von 12 kW zu wählen. Dementsprechend müssten bis 2030 rund 2.400 PV-Anlagen gebaut werden – das ist ungefähr das Dreifache von heute. Im Zeitraum 2030-2050 müssen es bereits 4.000 Anlagen sein. Bei Betriebsanlagen ist eine Größe von 140 kW anzustreben. Hier bräuchte man bis 2030 pro Jahr 200 Anlagen, bis 2050 520 Anlagen.“ Bei Freiflächenanlagen nennt Satzinger eine mögliche Anlagengröße von 2 MW. „Das bedeutet einen Zubau von 1,2 Anlagen pro Jahr bis 2030, bis 2050 13,3 Anlagen.“ Doch Satzinger bedauert, „nur 10,63 Prozent der Flächen in Tirol sind nutzbar.“ Der große Teil der Flächen ist Wald, Ödland etc. Nutzungskonflikte sind laut Satzinger vorprogrammiert. „Mit Dachflächen wird der in der Studie vorgesehene Ausbau nicht gelingen. Es sind Freiflächen erforderlich. Zu diesem Zweck wurde eine weitere Potenzialabschätzung beauftragt.“ Er weiß um den lähmenden Fachkräftemangel: „Wir müssen ein attraktives Berufsbild schaffen, um die Ressourcen zu ermöglichen.“ Und: „Wir müssen PV auch in Kombination mit Mobilität denken.“

Johannes Rauch, Vorarlberg: 2019 hatte das westlichste Bundesland PV-Anlagen mit einer Leistung von 100 MW installiert, letztes Jahr sind 20 MW dazugekommen. Bis 2030 ist eine Verdreifachung geplant. „Das schaffen wir, weil die Post wirklich abgeht.“ Prioritär sind die Dächer mit mehr als 400 m2 Fläche, was auf 4.000 Gebäude zutrifft. Danach kommen Flächen wie Deponien und Parkplätze. Doch: „Bei Grün- und Ackerflächen haben wir ein ähnliches Problem wie Tirol.“ Im Baurecht hat das Land die Schwellenwerte für die Bewilligungsfreistellung von 100 auf 500 kW erhöht. Nach Rauchs Meinung müsse das Wohnungseigentumsgesetz angepasst werden: „Es braucht eine Erleichterung, damit nicht 100 Prozent Zustimmung notwendig ist.“

Über das, was schon lange da ist, rege sich niemand auf, meint Bernd Vogl von der Energieplanung Wien. Und die Meinung zu Dingen, die neu sind, änderten sich im Laufe der Zeit: „Wir sehen das in der Stadtplanung sehr gut. Da gibt es Aufregung über neue Maßnahmen, aber wenn etwas einmal in Betrieb ist – und da sind Energiegemeinschaften sicher ein guter Weg –, dann sieht die Bewertung ganz anders aus.“ In den letzten 15 Jahren ist Wien auf ca. 50 MW gekommen. Für 2025 peilt die Hauptstadt 250 MW an, für 2030 800 MW, berichtet Vogl. „Allein auf Gebäuden der Stadt haben wir Potenzial von 50 MW.“ Mit einer Aussage zur Bürokratie lässt er aufhorchen. Wien ist bisher sehr restriktiv bei der Genehmigung von Dachanlagen, weshalb eine Lockerung ein enormer Hebel sein könne: „Ich glaube, dass das noch wichtiger ist als Förderungen.“ B ei Bestandsbauten, meint er, brauche man möglicherweise andere PV-Technologien, die weniger sichtbar und teurer sind. Dann müsse man sich selbst und die Zulassungsprozesse hinterfragen. Bei Neubauten gibt es bereits eine PV-Pflicht, was aber nicht von allen goutiert werde: „Es ist nicht so, dass die Gebäudeerrichter uns dafür lieben.“ Zur Frage nach Freiflächen sagt er: „Wir haben nicht viele davon, aber eine Diskussion über sie gibt es sehr wohl.“

www.pvaustria.at

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