EAA-Energie Talk: #mission2030:

Gelingt die Dekarbonisierung der Stromerzeugung 2030?

von Sandra Eisner

Wien (OTS) – Gemäß dem Ministerratsbeschluss vom 28. Mai 2018 zur Klima- und Energiestrategie soll Strom in Österreich in weniger als zwölf Jahren zu 100 Prozent aus erneuerbaren Quellen kommen. Derzeit liegt der Anteil bei 72 Prozent. Wie kann das ambitionierte Vorhaben erreicht werden?

Am 25. Juni stand beim EAA-Energie Talk im ThirtyFive am Wienerberg die Klima- und Energiestrategie der österreichischen Bundesregierung im Mittelpunkt einer spannenden Podiumsdiskussion. Dr. Michael Losch, Sektionschef im Bundesministerium für Nachhaltigkeit und Tourismus, DI Dr. Franz Strempfl, Geschäftsführer Energie Netze Steiermark und Dr. Wolfgang Urbantschitsch, Vorstand der E-Control diskutierten über die Realisierbarkeit der #mission2030 sowie über Maßnahmen, die notwendig sind, um die Ziele der Energiestrategie voranzutreiben.

Leuchtturmprojekte zur Erreichung der Klimaziele

„Mit der neuen Klima- und Energiestrategie, die am 28. Mai 2018 im Ministerrat beschlossen wurde, hat die Bundesregierung einen wichtigen und ambitionierten Schritt zur Erreichung der Klimaziele bis 2030 gemacht“, sagt Dr. Michael Losch, Sektionschef im Bundesministerium für Nachhaltigkeit und Tourismus. Im Bereich der erneuerbaren Energien liegt Österreich mit seinem darin festgelegten Ziel von 45 bis 50 Prozent deutlich über dem gerade beschlossenen EU-Gesamtziel von 32 Prozent. „Im Bereich der erneuerbaren Stromerzeugung wollen wir unseren Spitzenplatz in Europa mit dem bilanziellen 100-Prozent-Ziel klar festigen.“

Zur Umsetzung der Österreichischen Klima- und Energiestrategie und zur Erreichung der Ziele bis 2030 wurden zwölf Leuchtturmprojekte festgelegt. Losch streicht für den Strommarkt vor allem das 100.000-Dächer-Photovoltaik- und Kleinspeicher-Programm sowie das innovative Thema »grünes Gas«, das ist Wasserstoff aus Überschussstrom und Biogas aus der Landwirtschaft, als langfristigen saisonalen Speicher hervor.

Ausbau der Erneuerbaren wird forciert

Bis 2030 müssten Investitionen in der Höhe von rund 50 Milliarden Euro angestoßen werden: Bis zu 35 Milliarden Euro müssten in den Netzausbau samt Smart Meter und 15 Milliarden Euro in den Ausbau der erneuerbaren Erzeugung durch Wasserkraft, Wind und Photovoltaik, davon neun Milliarden Euro in Anlagen und sechs Milliarden Euro in Stromspeicher investiert werden, erinnert der Branchenverband Österreichs Energie an die »Empowering Austria«-Pläne der Branche. Dr. Wolfgang Urbantschitsch, Vorstand der E-Control gibt aber zu bedenken: „Beim Ausbau der Erneuerbaren werden wir sowohl bei Wind- als auch bei Wasserkraft mit der Zeit auf natürliche Grenzen stoßen.“ Ein wichtiger Faktor in diesem Zusammenhang wird laut DI Dr. Franz Strempfl, Geschäftsführer Energie Netze Steiermark, auch die „kritische Akzeptanz von neu zu errichtenden Leitungsanlagen, aber auch der Bau von Windparks oder Wasserkraftwerken sein“. Denn nicht überall schlägt den Errichtern neuer Anlagen Wohlwollen entgegen. In vielen Bundesländern gibt es neben dem Mangel an geeigneten topografischen Lagen aus diesem Grund nur eine überschaubare Anzahl an Windrädern.

Neue Wasser- und Gaskraftwerke gewährleisten Versorgungssicherheit

Laut Strempfl sind „die Ziele der #mission2030, insbesondere die Stromerzeugung aus 100 Prozent CO2-freien Energiequellen sehr ambitioniert, aber machbar“. Dafür braucht es seiner Meinung nach „regulatorische Rahmenbedingungen, welche die Netzbetreiber in die Lage versetzen, im notwendigen Ausmaß effizient zu investieren und entsprechende zukunftsorientierte Maßnahmen zu setzen. Denn mit dem klassischen Netzausbau alleine werden wir die Herausforderung zur Umsetzung der Energiestrategie nicht lösen können.“ Strempfl weiter: „Die Integration der hochvolatilen erneuerbaren Erzeugungsanlagen und der E-Mobilität, der Roll-Out von Smart Metering sowie die Einbindung der Kunden zur Aktivierung von lokalen beziehungsweise regionalen Flexibilitäten erfordert Anreize und Planungssicherheit für Investitionen.“ Zudem müsse die Entwicklung neuer, innovativer Netzkonzepte mit Hilfe der Digitalisierung umgesetzt und daher massiv unterstützt werden.

Auch für Urbantschitsch ist das Ziel von bilanziell 100 Prozent Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen bis 2030 „sehr ambitioniert. Eine vollständige Dekarbonisierung der Strommärkte in absehbarer Zeit wird nicht zu 100 Prozent gelingen“, sagt er. Gaskraftwerke sind als Brückentechnologie in der Stromversorgung bis 2030 nicht wegzudenken – im Gegenteil: „Der verstärkte Ausbau der volatilen Technologien Wind und Photovoltaik erfordert den Einsatz von flexiblen Gaskraftwerken zum Ausgleich und der Stabilisierung des Systems.“

Strempfl stimmt zu. Der Anspruch, mehr Erneuerbare in die Netze zu bringen, stellt sowohl die Verteil- als auch die Übertragungsnetzbetreiber vor große Herausforderungen: „100 Prozent Erneuerbare heißt nicht keine thermischen Kraftwerke. Wir werden neue Gaskraftwerke, aber auch neue Pumpspeicherkraftwerke brauchen.“ Das alleine reiche aber nicht, ergänzt Urbantschitsch: „Wenn der Ausbau der Strom- und Netzkapazitäten nicht weiter forciert wird, könnte es möglicherweise trotz des geplanten Ausbaus der erneuerbaren Energien eng werden.“

Intelligente Infrastruktur für Österreich

Der Umbau des Stromsystems erhöht laut Strempfl „die Anzahl an Einspeisern in das Stromnetz deutlich“. Sie sind „dezentral quer über das ganze Land verteilt und ihre Einspeiseleistung schwankt stark mit dem Wind- beziehungsweise Sonnendargebot“. Für Strempfl steht fest, dass hier großer Handlungsbedarf besteht, wenn gleichzeitig gewährleistet werden soll, dass das hohe Maß an Versorgungssicherheit weiterhin so hoch bleiben soll wie bisher.

Einschätzungen des Branchenverbandes Österreichs Energie gehen von notwendigen Investitionen in der Größenordnung von bis zu 35 Milliarden Euro für den Ausbau der Übertragungs- und Verteilernetze aus. Der zusätzliche Bedarf an Energie liegt bei 40 Terawattstunden in den nächsten zwölf Jahren.

Um diese Strommengen bereitzustellen, ist viel zu tun: Etwa der Ringschluss im 380 kV- Übertragungsnetz, aber auch der Ausbau und die Automatisierung der Verteilernetze, um die zahlreichen neuen dezentralen Einspeiser anschließen zu können. Für den Ausgleich der stark schwankenden dezentralen Einspeisung in die Verteilernetze bedarf es laut Strempfl „zusätzlicher Potentiale an Flexibilität, die durch die aktive Einbindung unserer Kunden in das Gesamtsystem gewonnen werden müssen“.

Hierzu sind seiner Meinung nach Anreize zu schaffen, „damit unsere Kunden aktiv am Systembetrieb teilnehmen. Je besser dies gelingt, desto kostengünstiger und effizienter kann das Netz betrieben werden.“ Dazu brauche es auch eine neue Tarifstruktur, welche die neuen Rahmenbedingungen berücksichtigt. Die jetzige ist veraltet. Sie stammt aus den 1990er-Jahren.

Und wenn die hohen Einspeiseschwankungen doch immer wieder zu Über- oder Unterdeckungen führen?

Dazu der steirische Netzbetreiber: „Mit der Zunahme der installierten Leistung aller angeschlossenen Einspeiseanlagen wird auch die Kapazität der Netze mitwachsen müssen. Einerseits um die stark schwankenden Einspeiseleistungen aufnehmen zu können, anderseits aber auch um den Ausgleich zwischen Regionen mit Über- beziehungsweise Unterdeckung sowie mit dem Speichern – auch länderübergreifend – durchführen zu können.“

www.energieallianz.com

Quelle: APA

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