Die Wallbox für den Speckgürtel

Gerhard Luftensteiner ist optimistisch. Kein Wunder – der Vorstandsvorsitzende von Keba verkaufte bereits 40.000 Wallboxen.

BMW- und Mini-Fahrer haben es gut – sie bekommen ein perfektes Komplettprogramm geschnürt. Denn wer beim deutschen Hersteller ein Fahrzeug mit Elektro- oder Hybridantrieb ins Auge fasst, hat die Gelegenheit, die i-Wallbox für die Garage gleich mit zu kaufen – und das weltweit. Die wenigsten Konsumenten wissen, dass es sich in diesem Fall um die innovative Technologie von Keba handelt – einem oberösterreichischen Unternehmen für Automatisierungstechnik. Die Spezialisten in Sachen Stromladestationen aus Linz sind aber nicht nur für BMW der ideale Partner – sie nutzen den Vorsprung aus acht Jahren Elektromobilität und forcieren nun auch verstärkt die Eigenmarke – die »Keba Wallbox« glänzt laut eigenen Angaben dabei vor allem auf der Software-Ebene und soll über den Elektrogroß- und Einzelhandel an die Kunden gebracht werden. „Installiert kostet die Wallbox für die Konsumenten um die 1.000 Euro – vorausgesetzt, die elektrischen Anschlüsse sind vorbereitet“, lässt uns Luftensteiner wissen und setzt damit ein deutliches Ausrufezeichen im Bereich der Elektromobilität. Doch darauf ausruhen will sich das oberösterreichische Unternehmen keineswegs.

Gerhard Luftensteiner sieht die Abnehmer seiner Wallbox neben den Firmenflotten vor allem auch in den Speckgürteln. Der Vorstandsvorsitzende nimmt mit seinem Unternehmen Keba verstärkt Kurs in Richtung Elektromobilität auf und zeigt dabei großen Optimismus. Kein Wunder, immerhin verkaufte Keba rund 40.000 seiner Stromladestationen weltweit und hat laut eigenen Angaben damit einen Marktanteil von 20 %. Klar, dass die Partnerschaft mit BMW Positives dazu beiträgt, die Zahlen Jahr für Jahr zu steigern. Aber als Spezialist im AC-Ladebereich setzt sich Keba höhere Ziele.

Luftensteiner freut sich ganz besonders darüber, die Wollbox am Standort Linz produzieren zu können. Sowohl die Entwicklung der Hard- und Softwarelösungen als auch die Produktion der Ladestationen finden in Linz, Österreich statt. In der Entwicklung der Wallboxen greift Keba auch auf viele Jahre Erfahrung und Know-how aus anderen Bereichen zurück. Dies sind z. B. Spezialisten-Know-how in der Elektronik und Software oder die Erfahrung im Design und in der robusten sowie langlebigen Gestaltung von Produkten, die auch im Outdoor-Bereich eingesetzt werden. Von der Erfahrung mit Anbindung von Backend-Systemen, wie es Keba aus der Bankautomation kennt, profitiert man ebenfalls. Die Themen »easy to use« und »Verfügbarkeit« sind auch im Bereich der Elektromobilitätslösungen wichtig. Neben dem internen Know-how hat Keba ein Innovations-Netzwerk, das sich über die Unternehmensgrenzen hinaus zu Forschungsinstituten, Universitäten und internationalen Fachgremien erstreckt. Im Keba-internen Testlabor werden die Produkte regelmäßig mit den neuesten verfügbaren Elektrofahrzeugen getestet – damit im Echtbetrieb alles möglichst reibungslos läuft.

Keba betrachtet sich als Spezialist für AC-Laden. Kurz zusammenfasst: Im Bereich der Ladeinfrastruktur unterscheidet man prinzipiell zwischen AC- und DC-Laden. AC-Laden (< 43 kW) eignet sich vor allem für kürzere Wegstrecken und Pendlerfahrten, die 94% der Alltagsfahrten ausmachen (94% unter 50km; auch in Deutschland beträgt die durchschnittliche Wegstrecke nur rund 16 km). Das Elektroauto lädt man bei diesen Wegen am besten dort, wo es mit einer Verweildauer von mehr als zwei Stunden geparkt wird, also z. B. in der eigenen Garage, in der Firmentiefgarage oder bei Einkaufszentren. Für die wenigen restlichen Fahrten z. B. in den Urlaub, bei denen die Reichweite des Elektroautos (die mittlerweile schon bei 250 bis sogar 400 oder 500 km liegt) zu gering ist, bieten DC-Ladestationen (> 50 kW) die Möglichkeit des »fast chargings« mit einer Ladezeit von 15-30 Minuten. Essentiell wird bei DC-Ladestationen eine Reservierungsfunktion (z.B. mittels App / Navigationssystem) sein, sodass man sich die gewünschte Ladestation für einen gewissen Zeitraum reservieren kann. Nur so kann sichergestellt werden, dass das Auto auch zum richtigen Zeitpunkt aufgeladen werden kann.

Der Vorstandsvorsitzende von Keba berichtete uns schließlich, dass sein Unternehmen mit zahlreichen Anbietern aus der Smart Home-Bereich kooperiert. Spezielle Namen wollte der Unternehmer in diesem Zusammenhang zwar nicht herausstreichen – einen namenhaften Gebäudeautomatisierungsanbieter aus Oberösterreicher nannte er uns zumindest als Beispiel: „Loxone wäre ein Beispiel dafür, dass die aktuelle Wallboxgeneration von Keba dank neuester Kommunikationsstandards und Features völlig neue Anwendungsmöglichkeiten bietet. Wir sind aber auch offen für alle anderen am Markt befindlichen Systeme“, so Luftensteiner. Die Keba-Wallbox lässt sie sich einfach ins Smart Home oder in bestehende IT-Systeme integrieren, mit Photovoltaik-Anlagen koppeln und bietet auch die Möglichkeit zur Abrechnung. So wird sie zur Kommunikationszentrale für intelligent gesteuertes Laden. Dazu Luftensteiner: „Wir glauben, dass Elektromobilität noch mehr Potenzial hat, wenn die Ladeinfrastruktur Möglichkeiten zur Vernetzung mit alternativen Energien bietet“. Aus diesem Grund kooperiert Keba mit führenden Smart Home-Anbietern. So kann zum Beispiel mittels Photovoltaikanlagen produzierte Energie über intelligente Steuerungen ins Elektroauto gespeist werden. „Immerhin ist das Elektroauto der größte Verbraucher im Haushalt, da machen sich solche Lösungen im wahrsten Sinne bezahlt“, so Luftensteiner weiter.

Zu den Kunden von Keba zählen neben BMW Energieversorger wie EnBW, Energie AG, Linz AG, Stadtwerke Düsseldorf oder Vattenfall. Bei den Elektromobilitätsanbietern, die für überregionale Ladeinfrastrukturen sorgen, sind z.B. Smatrics aus Österreich, Clever aus Dänemark und Schweden oder in Deutschland New Motion Keba-Kunden. Privatkunden beziehen die Stromtankstelle über den Fachhandel, bei ihrem Energieversorger oder online. „Möglich ist diese Kunden- und Marktbreite, da Keba in der Entwicklung ihrer Ladestation Wert darauf legte, dass diese für jede Anforderung, jeden Markt und jede Zielgruppe passt“, heißt es von Seiten des Herstellers.

Probleme ortet Luftensteiner einzig darin, genügend qualifizierten Nachwuchs für diesen Bereich rekrutieren zu können und ruft in diesem Zusammenhang die Jugend dazu auf, sich verstärkt dem Programmieren und der Elektronik zu widmen – mit: „Es muss alles unternommen werden, um junge Menschen verstärkt dazu zu veranlassen, sich einer IT-Ausbildung zu unterziehen“, bringt Gerhard Luftensteiner seine Sorge abschließend auf den Punkt. Mit anderen Worten: Ohne qualifiziertes Personal wird es auch Unternehmen wie Keba nicht möglich sein, derartig innovative Systeme dauerhaft in Österreich zu fertigen.

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