Die Lehre und leere Lehrstellen…

 

Also – sie waren und sind alle ein wichtiger Bestandteil unserer Wirtschaft und unserer Gesellschaft. In diesen 45 Jahren hat sich aber vieles geändert. Sowohl in der Politik, als auch in der Gesellschaft.
Schon der Joe selbst hat vor seiner Gesellenzeit eine HTL besucht, danach eine Gesellenzeit abgedient, Meister- u. Konzessionsprüfung abgelegt u. bestanden. Selbständigkeit versucht und mit Erfolg umgesetzt.

Denken wir also 50 Jahre zurück – das war die Zeit in der ich von der Hauptschule in die berufsbildende Schule wechselte; da hatte das Handwerk noch »goldenen Boden«. Politiker und meine Eltern waren aber damals schon der Meinung, unseren Kindern soll es besser gehen als uns. Meine Eltern drängten mich in Richtung Matura. Ich ging den Weg Matura mit Lehre (gab es damals noch nicht). Also Matura mit Gesellenzeit und anschließender Meisterprüfung. Heute würde ich es genauso machen.
Mein Werdegang zeigt, dass es möglich ist, nur mit Hauptschule und Matura im Leben auch weiterzukommen. Ohne je die Hochschule besucht zu haben, konnte ich doch einiges erreichen.
Heute sieht das Thema Ausbildung, Lehrling, Maturant, sowohl politisch als auch gesellschaftlich ganz anders aus. Das Handwerk hat keinen goldenen Boden mehr. Es wird sowohl von der Gesellschaft, als auch von den Politikern nur mehr dann benötigt, wenn es wo brennt. Wir werden als notwendiges Übel betrachtet, und wer will unter solchen Umständen noch ein Handwerk erlernen. Wer also des Lesens und Schreibens und ein bisschen des Rechnens mächtig ist, macht also Matura und anschließend – es ist wohl einfacher – studiert er »Jus« oder »Politwissenschaften«, um danach Berufspolitiker oder Beamter zu werden. Oder vielleicht studieren wir doch gleich »Griechische Geschichte« oder »Psychologie« – braucht zwar keiner, aber mit einem Magister-Titel schließt man doch ab.
Um in der Industrie und der EU weiterzukommen, ist ein Titel unbedingt vonnöten, denn nach Meinung der Gesellschaft unserer Politiker und der Industrie ist man ohne Hochschul-Studium ein Niemand. Titeln scheinen wichtiger als Know-how.

Wo liegt das Problem? Wer ist am Handwerker, bzw. Facharbeitermangel Schuld? Wir Handwerker bilden schön brav weiter ohne Unterstützung des Staates, Lehrlinge aus und ärgern uns über den schlechten Ausbildungsgrad der Jugend und die ständig steigenden Ausbildungskosten. Die Industrie hat schon lange die Ausbildung vergessen. Sie schreit nur nach Facharbeitern und kassiert Förderungen.

Aufgrund des schlechten Ausbildungsstandes unserer Jugend wäre es fast vonnöten, sie erst maturieren zu lassen und danach ran an die Handwerksausbildung, denn so mancher Maturant wäre ein besserer Handwerker als ein Student. Er könnte sicher halbwegs lesen, rechnen und schreiben und möglicher Weise hätte er auch eine Ahnung von Chemie, Physik, logischem Denken und Messen.
Allerdings ist zu bemerken: Ein Jahr Folgeausbildung, um Geselle zu werden, wie unserer oberster Kammerfunktionär meint, wird wohl im Handwerk nicht reichen!

An welche Berufe er da gedacht hat, lasse ich Euch entscheiden.

Über eine mögliche Lehrzeitreduktion, oder wie immer man das nennt, muss und kann, abhängig vom Beruf diskutiert werden. In den letzten Monaten ist euch sicherlich aufgefallen, dass unsere Politiker und Medien wieder beginnen, über die Ausbildung und das Gewerbe nachzudenken und zu schreiben. Ausgelöst wurde dies durch unsere Erfolge in den letzten Jahren bei Handwerker-, Europa-, u. Weltmeisterschaften. Trotz negativen Studien aus dem Schulbereich ist es unserer Jugend gemeinsam mit ihren ausbildenden Firmen gelungen, mit Unmengen an Gold- und Silbermedaillen von diesen Meisterschaften nach Hause zu kommen. Ja, Österreich wurde sogar Europameister. Andere Länder fragen uns, wie wir das machen. Sie wollen wissen, wie die Ausbildung bei uns von statten geht. Sie beneiden uns um unsere Erfolge.

Genau diese Erfolge haben eine Nachdenkphase eingeleitet. Plötzlich spricht man wieder von der Lehre und dem Handwerk. Hat man aber auch darüber nachgedacht, dass das Gewerbe mit unseren Lehrern und mit den Schulen in direkter Konkurrenz steht? Dass im Falle eines Umdenkens in der Bevölkerung die Klassenschülerzahl sinken werden? Wir müssten also eine, für alle Beteiligten gangbare Lösung finden und wenn sie lautet »Matura und Lehre ist eine zukunfts- und einkommenssichere Ausbildung«, denn ein Beruf darf nicht nur zur Arbeit werden, sondern er soll auch Freude bereiten und im Idealfall wie ein Hobby sein.

Nur so nebenbei sei erwähnt, dass ein durchschnittlich begabter Studienabgänger mit 26 bis 30 Jahren sehr lange braucht (wenn überhaupt), den Einkommensvorsprung eines guten Gesellen oder gar eines Meisters, einzuholen.

Ich erlaube mir nun einen Aufruf an unsere Politiker und Gewerkschaften: Schafft wieder Freiraum für das Gewerbe, den größten und besten Lehrlingsausbilder Österreichs! Es bietet noch dazu die krisensichersten Arbeitsplätze Österreichs, und ist euer effektivster Steuerzahler!
Nun erlaube ich mir auch einen Aufruf an euch, liebe Kollegen: Bemüht euch weiter Lehrlinge auszubilden und lasst unsere Jugend nicht auf der Straße stehen. Denn nur gemeinsam können wir es schaffen, dass österreichische Facharbeiter zu den Spitzenkräften der Welt zählen und wir weiter die Kaufkraft und Wertschöpfung in Österreich halten. Für diesen unentgeltlichen Einsatz möchte ich mich heute schon bei euch bedanken.

Euer Joe

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