»Die LED ist noch kein Selbstläufer«

Die Light+Building gilt weltweit als Schauplatz innovativer Licht-Technologien. Philips Lighting, als einer der ganz großen Player im Geschäft, durfte dabei natürlich auch heuer nicht fehlen. Wir nahmen die Messe zum Anlass, die Highlights des Herstellers in Augenschein zu nehmen und verpassten dabei nicht die Gelegenheit, mit Roger Karner, seines Zeichens DACH-Chef des Lichtkonzerns, ein ausführliches Gespräch über LED, Überspannungsschutz und Internet of Things zu führen. Lesen Sie, warum man öfter mal tiefer Einblick nehmen muss, um die Mechanismen der Lichtbranche zu verstehen!

Eines kann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit behauptet werden: LED-Lösungen werden mittlerweile von allen Herstellern angeboten. Ähnlich verhält es sich mit dazu passenden Systemen zur Vernetzung und Steuerung. Wir wollten wissen, in welchen Bereichen Philips Lighting die Nase vorne hat – DACH-Chef Roger Karner hatte die Antworten parat.

Herr Karner, die LED ist in der Lichttechnik nun endgültig angekommen. Im einen oder anderen Bereich, zum Beispiel bei der Stadionbeleuchtung, ist sie – was den Preis betrifft – aber noch nicht ganz so weit. Gibt es hier noch Lücken, die es zu schließen gilt?
Roger Karner, Geschäftsführer Philips Lighting GmbH, DACH: Das ist so nicht ganz richtig, denn die LED ist sehr wohl in der Stadionbeleuchtung angekommen. Es kommt nur immer darauf an, mit wem man worüber spricht. Wir haben, wie bekannt ist, in einem aktuellen Fall in Österreich gegen die alte Technologie verloren. Diese Entscheidung hat der Kunde getroffen, weil er andere Prioritäten hatte.

Aber diese Entscheidung fiel, weil die LED-Lösung nicht finanzierbar war?
Karner: Selbst das würde ich nicht so sehen. Generell geht es darum, wie man eine Preisgestaltung betrachtet. Legt man das Augenmerk auf die Erst-Investition, so haben wir es im Falle der LED mit vergleichsweise hohen Beträgen zu tun. Allerdings haben wir im betreffenden Stadionprojekt einen Business Case vorgelegt, der belegt, dass über einen Zeitraum von acht bis zehn Jahren die LED-Lösung kostengünstiger ist. Darüber hinaus haben wir auch eine Finanzierungslösung vorgeschlagen. Trotzdem haben sich die Projektverantwortlichen für die alte Technologie entschieden. Das betreffende Projekt hat uns allerdings auch gezeigt, dass in diesem Bereich noch intensive Aufklärungsarbeit zu leisten ist. Das Gesamtkonzept, das die LED-Technik als Sieger vom Platz gehen lässt, ist jedenfalls kein Marketing-Gag von uns, sondern von jedem CFO bzw. von jeder Finanzabteilung eines Unternehmens prüf- und validierbar. Wie Sie vorher erwähnt haben: Die LED ist angekommen, aber in der Umsetzungsrate haben wir immer noch viel zu tun. Auf Konsumentenebene etwa liegen wir derzeit bei rund 30 %, was zur Folge hat, dass immer noch zu 70 % alte Technologien in den Markt gebracht werden.

Lassen Sie es uns salopp formulieren: Warum wird nicht einfach ein Schnitt gemacht und Halogenlampen und Energiesparlampen aus dem Sortiment verbannt?
Karner: Man muss natürlich beide Seiten betrachten. Zum einen muss beachtet werden, dass der Konsument noch immer günstigen Leuchtmittelersatz bevorzugt. Der Preisunterschied ist nun einmal ein wichtiger Faktor. Zum anderen stellt sich im professionellen Bereich oft die Frage, wer für eine Gesamtbetriebskostenrechnung bereit ist und wer immer noch auf die reine Anschaffungs-Investition schaut. Im Bereich der Straßenbeleuchtung ist dieser Denkprozess zum Beispiel am weitesten fortgeschritten.

Apropos Retrofitlampen – das Thema ist aktuell gerade in Österreich aufgrund des ­Energieeffizienzgesetzes sehr brisant. Die EVUs verschenken – angetrieben durch das betreffende Gesetz – Lampen im großen Stil. Das schadet natürlich dem Handel. Wie ­sehen Sie das?
Karner: Wir wollen natürlich nachhaltige Lösungen haben, wobei eine Gesamtbilanz in den Vordergrund gestellt wird. Das Energieeffizienzgesetz muss in dem Kontext gesehen werden, dass, immer wenn es Initiativen gegeben hat, diese nie für den gesamten Markt und den Handel nachhaltig förderlich waren. Die Frage ist, was angerechnet wird und was nicht. Warum zählt es zum Beispiel nicht, wenn effizientere Beleuchtungslösungen von unseren Großhandelspartnern auf den Markt gebracht werden – denn das tun sie täglich. Aber wenn das gleiche ein EVU macht, wird es angerechnet. Wo ist also die Berechnung richtig und wo nicht?

Sie erwähnten auf der Pressekonferenz hier in Frankfurt, dass Philips mit der ­Retrofit­lampen-Serie »Filament« der einzige Hersteller wäre, der diese Art der Lampe in dimmbarer Version anbieten kann.
Karner: Dimmbare LED-Lampen in diesem Glühlampen-Design haben auch andere, aber Philips bietet sie darüber hinaus in Kombination mit »Warm glow« – ein Effekt, bei dem beim Herunterdimmen die Farbtemperatur in Richtung 2.200 Kelvin geht. So ähnlich, wie es eben bei der Glühlampe der Fall war. Ich habe mir die Hauptmitbewerber auf der Light+Building angesehen, die ich qualitativ auf Augenhöhe sehe, und nichts Vergleichbares gefunden. Deshalb traue ich mir zu sagen: Wir bieten diesen Glühlampeneffekt als einziger Hersteller. Natürlich bleibt dieser Vorteil kein Geheimnis. Die anderen Hersteller werden sicher früher oder später nachziehen, vor allem in der LED-Technologie. Wichtig ist, auf den Markt zu hören, in diesem Fall auf den Konsumenten, der die Entscheidungsmacht hat. Er sagt, was er haben will und was ihn interessiert. Hier haben wir einmal mehr das Ohr am Puls der Zeit gehabt und bieten nun »Warm glow« – und zwar vor unseren Mitbewerbern.

In der Vergangenheit kam es immer wieder dazu, dass eine Technologie, die nur ein Hersteller angeboten hat, aufgrund mangelnden Vertrauens seitens der Konsumenten wieder vom Markt verschwunden ist.
Karner: Das ist richtig und fast schon Normalität in der Technologieentwicklung. Wenn es viele Anbieter gibt, steigt das Vertrauen, dass eine Technologie Marktstandard wird, oder man zumindest eine Ausweichmöglichkeit hat. Wir verkaufen zum Beispiel viel mehr Hue-Systeme, seitdem es auch Mitbewerber mit ähnlichen Systemen gibt. Auf Konsumentenseite gibt es immer noch die geringste Marktpenetration, was die LED-Technologie betrifft – in der Straßenbeleuchtung ist sie dafür sehr ausgeprägt. In Deutschland wird bei der Modernisierung von Straßenbeleuchtungen bereits zu etwa 90 % auf LED gesetzt. Hier hat man erkannt, dass es eine richtige Entscheidung ist, die neue Technologie zu wählen. Die LED ist nun einmal noch nicht überall ein Selbstläufer. Wir müssen einfach weiter daran arbeiten und es freut mich, wenn über solche Themen berichtet wird.

Noch vor zwei oder drei Jahren war der Überspannungsschutz in der LED-Straßenbeleuchtung ein heißes Thema. In Österreich gab es einige bekannte Fälle, in denen Beleuchtungsanlagen aufgrund von indirekten Blitzschlägen großflächig ausfielen. Die Lichttechnische Gesellschaft gab damals Untersuchungen in Auftrag – die Industrie bagatellisierte das Thema und kurze Zeit später wurden erste Lösungen angeboten.
Karner: Die komplizierte Frage dabei war, wo die empfindliche Elektronik geschützt wird: Direkt an der Leuchte, im Schaltkasten oder in der Verteilung. Sinnvoll ist der Schutz in allen dreien und da gibt es verschiedene Schutzsysteme. Technisch hochwertige Leuchten haben heute Überspannungsvorkehrungen integriert, darüber hinaus wäre es sinnvoll, entsprechende Vorkehrungen in der Gesamtanlage einzubauen. Heute hat man aber einen technischen Standard erreicht, bei dem sich Städte und Gemeinden sicher sein können, dass sich ihre Investition gelohnt hat und vor allem sicher ist. Ich kann also mit ruhigem Gewissen sagen, dass das heute kaum ein Thema mehr ist.

Wie unterscheidet sich Philips beim Thema Industriebeleuchtung vom Mitbewerb? Worin liegt der besondere Vorteil der ­Philips-Lösungen?
Karner: In den Applikationen unterscheiden wir uns vor allem dadurch, dass wir nicht nur ein innovatives Produkt und eine innovative Produktlösungsantwort für den Kunden haben, sondern auch Systeme und Services anbieten. Die Industrieanwendung unseres »Green-Warehouse-Konzeptes« beispielsweise umfasst nicht nur das LED-Produkt, sondern auch die Vernetzbarkeit mit der Sensorik und die Software dazu. So ermöglichen wir es, dass der Kunde einen Benefit hat, der über das Licht hinausgeht. Außerdem bieten wir auch verschiedene Finanzierungslösungen an. Durch diese Bandbreite des Angebotes differenzieren wir uns. Wir haben für alle Bedürfnisse der Kunden eine Antwort.

Auf der Messe hier in Frankfurt wird nahezu auf jedem Messestand über das Internet der Dinge und connectivity gesprochen – mit oft sehr unterschiedlichen Ansätzen. So soll auch KNX beispielsweise bei IoT angekommen sein. Für viele ist dieses Thema jedoch einfach nicht greifbar – im Speziellen, was die Umsetzung betrifft und was der Kunde damit überhaupt anfangen soll. Wie steht Philips zum Thema IoT?
Karner: IoT – Internet of things – ist ein schönes Schlagwort, das wir als Technologieunternehmen gerne verwenden. Wenn ich aber zum Kunden gehe, verwende ich eine andere Sprache. Dort erkläre ich beispielsweise Philips Hue damit, dass ein Zuruf genügt, um die Beleuchtung zu steuern und das Ambiente zu verändern. »Siri schaltet das Licht ein – denn die Lampe ist per Internet mit Apple HomeKit vernetzt, sodass sie Sprachbefehle versteht.« Das versteht der Kunde. In Deutschland erwähne ich auch das Smart Home der Deutschen Telekom. Durch die Vernetzung mit z. B. Bewegungsmeldern und Fenster- oder Türkontakten sorgt die Hue-Beleuchtung für mehr Sicherheit und Komfort daheim. Mit den Verantwortlichen einer Stadt wiederum – also einem ganz anderen Extrem – spreche ich wieder anders. »Sie suchen ein Managementsystem für Ihre Stadt. Dafür verwenden viele Städte ein SAP Hana-System.« Ich sage den Verantwortlichen der Stadt also, dass unsere City Touch-Straßenbeleuchtung und SAP/Hana miteinander kommunizieren – diese Vernetzung macht das Licht- und Stadtmanagement effizienter. »Die Straßenbeleuchtung ist Teil des Internet of things. Per SIM-Karte fließen die Daten in einer Cloud-Anwendung mit Informationen zum Straßenverkehr und z. B. Wetterdaten zusammen.« Die Vorteile braucht man den Kunden, also der Stadt, kaum zu erklären.

Um auf die Industrie zurückzukommen: Uns hat vor Kurzem ein Experte eines Leuchtenherstellers erklärt, dass es gar nicht so einfach wäre, Industriekunden den Austausch alter Leuchten durch LED-Leuchten mit dem Argument der Einsparung schmackhaft zu machen. Das »Problem« dabei ist der für diese Zielgruppe größtenteils sehr niedrige Strompreis.
Karner: Das Problem sehe ich so nicht für Österreich, sehr wohl aber in Frankreich auf Grund des billigen Atomstroms. Diese Preisniveaus machen eine Kapitalrentabilitäts-Kalkulation sehr schwer. Wenn der Strom teurer ist, bedeutet das natürlich eine schnellere Rentabilitäts-Zeit. Das Empfinden ist dabei aber sehr unterschiedlich. Für manche sind zweieinhalb Jahre gut, ein anderer greift gar nichts an, das nicht unter einem Jahr liegt. Ein Dritter sagt, dass acht Jahre hervorragend sind. In der DACH-Region sehe ich aber den Strompreis keineswegs als Hinderungsgrund.

Die Konsumenten wurden von Ihnen ja bereits angesprochen. Es gibt mittlerweile auch bedeutende Mitbewerber, die ebenfalls den Konsumentenbereich für sich entdeckt haben. Wie reagiert man bei Philips darauf?
Karner: Unser Portfolio für Konsumenten wird kontinuierlich weiter ausgebaut. Philips stellt hier am Stand zwanzig Produkte aus, die mit Hue vernetzt steuerbar sind. Hue bietet mittlerweile rund 600 Apps, mit denen sehr unterschiedliche Anwendungen möglich sind. Wir haben auch die Partnerschaften mit Apple, Nest und Bosch, die hier auf der Light+Building thematisiert werden. Man kann sich sicher sein, dass es auf diesem Gebiet Weiterentwicklungen geben wird. Wir werden aber auch neue Produkte und Ökosysteme (Sensorik) noch stärker im Fokus haben. Zum Beispiel wurden bereits Remote-Control-Taster integriert, da wir der Meinung sind, dass die preisbedingte Einstiegsbarriere niedriger werden muss. Nicht jeder gibt 199 Euro für drei Leuchtmittel für farbiges Licht aus – auch wenn es 16 Mio. Farben sind. Darum bietet Philips nun auch einfache weiße Leuchtmittel mit Fernsteuerung zum Einstieg an. Ausbauen kann man Hue danach immer noch. Wir runden das System damit nicht nur nach oben ab, sondern auch nach unten – also im Einstiegssegment. Und eines ist sicher: Man kann von uns in den nächsten Monaten und Jahren im Konsumenten-Bereich noch einiges erwarten.

Abschließend noch eine Frage: Sie haben das Thema Sensorik angesprochen. Ist das ein Bereich, in dem Philips das Know-how selbst aufgebaut hat oder wird es zugekauft?
Karner: Beides. Wir verfügen über Know-how, weil wir sowohl im professionellen als auch im Konsumenten-Bereich Philips-Sensorik in unsere Leuchten einbauen. Das ist heute schon der Fall. Wir haben aber auch hier Partner, auf deren Know-how wir bei Bedarf zurückgreifen.

Herr Karner, wir bedanken uns für das ­Gespräch!

Das Interview führte Thomas Buchbauer
Text: Lisa Trummer, Mag. Niklas Seitz

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