Die Innungskolumne im Juni/Juli 2011

Ist das Kind des Lesens und Schreibens nicht so ganz mächtig und hat er oder sie auch kein Interesse an besonderen Tätigkeiten, na dann suchen wir halt eine Lehrstelle. Die Firma wird schon Wunder wirken. Was die Eltern und Lehrer nicht schafften, das wird wohl der Lehrherr bewirken.
Der Spruch »Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr« ist eine Volksweisheit und hat sich auch heute noch immer nicht geändert.

Was wollen wir Handwerker überhaupt und was braucht die Wirtschaft für die Zukunft. Denkt die Bevölkerung und denken unsere Politiker darüber überhaupt nach?

Ja, wir benötigen gebildete Mitarbeiter. Ja, sie müssen rechnen, schreiben, lesen und möglichst mehrere Sprachen beherrschen. Konnten das unsere Väter und Vorfahren nicht? Sie bekamen diese Weisheiten von Ihren Vorfahren bzw. Eltern mit. Denn Arbeit war ein Großteil ihres Lebens. Freizeit war wenig vorhanden, wurde aber auch genutzt. Heute ist das leider nicht mehr so. Die Kinder wissen großteils nichts mehr über die Tätigkeiten ihrer Eltern. Praktische Hobbys gibt es kaum noch – aber Sport und Computerspiele, das ist In. Es hilft nur nicht für den Beruf und auch nicht in der Schule. Was will und braucht die Wirtschaft eigentlich? Ich will kurz meinen Werdegang aufzeigen. Er war sicher nicht immer unbedingt der Beste und es gibt Personen, die weiter gekommen sind als ich. Aber man sagt ich habe ein ganz gutes Allgemeinwissen und bin als Führungskraft nicht unter den Unbrauchbaren. Nun, ich ging vier Jahre in die Volksschule. Wegen Krankheit gab’s ein nicht sehr gutes Zeugnisses, daher ab in die Hauptschule. Das schaffte ich irgendwie ohne einen Vierer im Abschlusszeugnis. Also ab in die HTL. Mir war schon in der Hauptschule klar, ich will einen technischen Beruf lernen und zwar mit Vorrang Automechaniker. Mein Vater war einer, es kam ein »Njet«, da wirst schmutzig. Zweite Wahl: Radiomechaniker – da kannst »pfuschen«.
Nein, ich wurde weder das Eine noch das Andere. Ich besuchte eine Klasse für allgemeine Elektrotechnik und absolvierte die Matura. Die Jahresergebnisse waren Allesamt eher schlecht aber ich schaffte es. Nach der Matura ging ich in die Lehre für Radiomechaniker. Das war ja mein Ziel. Ich arbeitete einige Jahre als quasi Geselle und stellte dabei fest, was ich aller nicht konnte und dass die Lehrlinge teilweise besser waren als ich! Das spornte mich so an, dass ich die Meisterprüfung anlegte und gewerberechtlicher Gesellschafter in einem Betrieb wurde. Danach folgte der Weg in die Selbstständigkeit und heute führen meine Töchter mit ähnlicher Ausbildung meinen Betrieb. Meinen weiteren Weg kennt glaube ich Jeder. Ich sage nur: über 25 Jahre Kammertätigkeiten.
Nein, ein Hochschulstudium konnten sich meine Eltern nicht leisten. Die Mutter Hausfrau, der Vater Gemeindebediensteter. So fehlte mir wohl eine rechtliche oder kaufmännische Ausbildung. Die habe ich mit »learning by doing« absolviert.

Zurzeit, so denke ich, läuft die Ausbildung total falsch. Es gab zwar auch zu meiner Zeit (ich bin zurzeit 64 Jahre) viele Studenten, aber die gingen großteils in Richtung Entwicklung und zum Vater Staat. Aber die meisten Führungskräfte damals hatten sowohl handwerkliche und zusätzlich schulische Ausbildung. Das fehlt zurzeit.
Wir gehen zurzeit 28 bis 35 Jahre in die Schule, mit mehr oder weniger Erfolg, da zu viele in den Klassen sitzen und werden danach sofort in die Führungsebenen gehoben. Wie könnte es auch anders sein. Es kann ein »Dipl.«, ein »Mag.« oder ein »Msc« doch nicht unter einem Meister arbeiten! Nur wer lernt auf der Uni das Umgehen mit den Mitarbeitern. Diese sind nicht nur Zahlen. Hinter fast Jedem steht ein ganzes Familienschicksal. Wer lernt auf der Uni das Gefühl für den Beruf. Zahlen und PowerPoint-Präsentationen alleine liefern zwar ein sichtbares und für Jedermann herzeigbares Kurzzeitergebnis. Daran kann man auch noch statistisch einiges, wie auf der Uni gelernt, hinbiegen. Aber eine Entscheidung für die Zukunft des Berufs mit Verständnis, Gefühl und aus dem Bauch heraus, das fehlt komplett. Haben wir ja auch nicht gelernt.

Genau das zeichnet sich aber in den letzten Jahren immer mehr ab. Führungskräfte mit dualer Ausbildung (Gewerbe-Handwerk und Schule – HTL-Matura oder Uni), das geht immer mehr ab. Die Alten gehen in Pension. Die Jungen richten sich und Ihre Firmen mit Zahlen und Statistiken immer mehr zugrunde. Man denkt ja nur noch in Quantitäten und Vertragszeiträumen. Man betrachtet Mitarbeiter wie Zahlen und geht davon aus, dass sich der Markt ständig steigernd entwickelt und Preise sich sowieso noch weiter bewegen, da man im Falle des Falles sowieso nach China verlagert. Hier spielt die Arbeitskraft keine Rolle.

Wir benötigen daher Führungskräfte sowohl in Politik und Wirtschaft, welche nicht nur in einer Richtung ausgebildet wurden sondern wieder langfristig in die Zukunft planen und weiters daran denken, dass sie Menschen führen und keine Maschinen. Dass wir vor Ort Arbeitsplätze benötigen. Nur diese bringen Wertschöpfung ins Land und Kaufkraft. Denn nur so können wir unseren Lebensstandort halten und der ist wiederum auch für die Gehälter und Prämien unserer Führungskräfte nötig.

Ein möglicher Lösungsansatz für die derzeitige europaweite Finanzmisere?

Euer Jo

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