Blade Runner Amazon

Zum Fleischer, um Wurst zu holen, am Marktstand gab es frisches Obst, beim Schuster wurden die geflickten Schuhe abgeholt usw. Eine kleine Plauderei mit dem Verkäufer oder der Verkäuferin gehörte dabei einfach immer dazu, was mich als kleiner Bub, der daneben stehen musste und sich immer wieder anhören durfte, wie brav er doch sei, zugegebenermaßen ziemlich langweilte – ab und an fiel aber auch ein kleines Spielzeug für mich ab, also hielt ich tapfer durch.
Gehe ich heute durch diese seit dem Mittelalter bestehende Innenstadt, herrscht bis auf die beinahe durchgehende Autoschlange, die sich die Hauptstraße entlangschlängelt, weitgehend Tristesse. Die meisten Läden, die ich noch aus meiner Kindheit kannte, gibt es nicht mehr, dafür drängen sich an den beiden Toren der Stadt mittlerweile beinahe alle Lebensmittelgeschäfte, die man in Österreich so kennt, dicht aneinander. Unterbrochen nur von einigen typischen »Fetzen-Geschäften«, mit ihrer »10-Euro-Qualitätsware«.

Was das mit Amazon zu tun hat? Glaubt man den Analysten, ist das Ende, oder zumindest die Stagnation dieser Einkaufszentren, die im letzten Jahrzehnt überall nach dem selben Muster auf die grüne Wiese gestellt wurden, bereits absehbar. Sie rentieren sich einfach nicht mehr und machen sich gegenseitig Konkurrenz. Ein Grund dafür: Heute findet man alles schnell, einfach und bequem im Internet und muss keinen Fuß mehr vor die Haustüre setzen. Ja, Lebensmittel muss man noch selbstständig besorgen – das mit dem Kühlschrank, der die Milch selbst nachbestellt, funktioniert dann doch nicht
so richtig. Aber glücklicherweise gibt es ja an jeder Ecke einen der üblichen Supermarkt-Konzerne mit einem großzügigen Parkplatz davor.
Hier ist doch ein Trend abzusehen, oder täusche ich mich? Zuerst starben die Kleinen, nun geht es auch den Mittleren an den Kragen. Bin ich der Einzige, den diese ganze Entwicklung an einen typischen 1980er-Jahre-Science-Fiction-Film erinnert, in dem sich in einer düsteren Zukunft ein paar wenige Konzerne die weltweite Macht teilen und im Grunde genommen machen können, was sie wollen? Klingt nach Utopie – mag sein, ein mulmiges Gefühl bleibt trotzdem zurück. Man mag einwenden, dass es ja Regierungen gibt, die etwas dagegen unternehmen – aber das klingt angesichts der Entwicklungen der letzten Jahre, Stichwort Lobbyismus, eher nach einem Treppenwitz. Und selbst wenn Regierungen einschreiten und die großen Konzerne in die Knie zwingen, was wird dann geschehen? Wenn sich Amazon & Co. sagen wir einmal aus Europa zurückziehen, bleibt nur noch verbrannte Erde zurück, denn die vielen kleinen Läden, in denen man früher einmal einkaufen war, gibt es dann nicht mehr… Wäre es da nicht erstrebenswert, heute noch zu reagieren, bevor es zu spät ist? Sich nicht darüber zu freuen, von zu Hause aus einkaufen zu können – um anschließend ins Fitnesscenter zu pilgern? Beim nächsten Online-Shopping darüber nachzudenken, ob es die drei Euro Preisunterschied wirklich wert sind, während rundherum die Geschäfte sterben?

Dystopia?
Vielleicht bin ich ja ein Träumer und vielleicht auch ein Heuchler. Natürlich habe auch ich schon etwas bei Amazon bestellt. Aber um hier in die Zukunft blicken zu können, braucht es keine Glaskugel und keine Filme. Man muss sich nur ansehen, was heute passiert. Laut der Tageszeitung diePresse ist Amazon für die Österreicher die erste Adresse, um im Internet einzukaufen. Statistik Austria hat erfasst, dass im Jahr 2003 nur knapp 11% im Internet eingekauft haben. Fünf Jahre später waren es bereits 37%, im Jahr 2014 schon 53,3%. Das deutsche EHI Retail Institute gibt an, dass Amazon mit seiner Österreich-Website im Jahr 2013 einen Umsatz von rund 343 Mio. Euro generierte. Das sind über die Jahre hinweg Milliarden, die ins Ausland flossen und über Umwege in den USA landeten. Denn Steuern zahlen Großkonzerne bekanntlich auch nicht lieber als alle anderen. Nur mit dem Unterschied, dass sich diese zu helfen wissen. Der Kurier brachte es auf den Punkt: „Amazon ist in Österreich umsatzsteuerpflichtig. Weil die Firma aber – wie andere Versandhändler auch – hierzulande keinen Sitz hat, sondern in Luxemburg fakturiert, entzieht es sich dem Auge der Finanz. Denn es gibt keine Amtshilfe von Luxemburg.“ Schauen Sie sich bei Gelegenheit einmal die nächste Amazon Rechnung an, »Amazon EU S.a.r.L.« steht da nicht zum Spaß drauf. Auf Anfrage reagiert Amazon kryptisch und immer gleich, wie viele Medien, unter anderem das Handelsblatt bestätigen: „Amazon bezahlt alle anfallenden Steuern in allen Ländern, in denen wir aktiv sind.“ Punkt. Den Rest könnt Ihr Euch denken. Deal with it!

Fassen wir also zusammen. Amazon beschäftigt im Verhältnis zu den vernichteten Arbeitsplätzen nur einen Bruchteil an Angestellten in Europa. In Österreich ist die Arbeitsplatzbeschaffung quasi nicht existent. Die Beschäftigten in Deutschland streiken seit Jahren für höhere Löhne. Nun werden trotz der neun deutschen Logistikzentren weitere in Polen gebaut, um von dort aus Deutschland zu beliefern, wie aus einer ZDF-Dokumentation von Christian Bock hervorgeht.
Rund 343 Mio. Euro verschieben die Österreicher pro Jahr allein an Amazon ins Ausland, wovon nur ein Bruchteil – von dem keiner genau weiß, wieviel eigentlich – per Steuern zurückfließen. Amazon ist für seine schnelle Lieferung bekannt. Diese rollt über was? Über unsere Straßen. Diese sind wie finanziert? Mit unseren Steuergeldern! (Das mit den Drohnen, die Pakete bringen, wird noch lange auf sich warten lassen, auch wenn erste Tests bereits genehmigt wurden.) Wie der Standard berichtet, sollen laut der neuesten Idee von Amazon jetzt übrigens auch Privatpersonen angeheuert werden, Pakete zu liefern. Dass diese dann die meisten Kosten und Abgaben selber zu decken haben werden, kann man sich gut am Beispiel »Uber« ansehen.
Schon einmal darüber nachgedacht, wo die ganze Verpackung landet, mit der die Waren versendet werden? Richtig. In unserem Müll. Amazon ist übrigens bis heute nicht der ARA (Altstoff Recycling Austria) beigetreten. Gleiches gilt für die laut EU-Richtlinie verpflichtenden Beitrag zur Rücknahme bzw. Finanzierung der Sammlung und Entsorgung von Elektro-Altgeräten. Keinen Cent! Vereinfacht ausgedrückt, drückt sich Amazon also um jede Menge Steuern, Gehälter und Abgaben und erreicht so seine niedrigen Preise. Kein Wunder, dass da der Einzelhandel nicht mithalten kann.

Und jetzt kommt der nächste Clou. In Deutschland tobt bereits ein massiver Kampf um Großhändler unserer und anderer Branchen. Internen Quellen zufolge hat sich Amazon bereits Abfuhren bei mehreren Großhändlern in Deutschland geholt – nennen wir sie einmal Großhändler R. S. und H. – die bei einer Preishoheit seitens Amazon nicht mit- machen wollten. Trotzdem landete bald Großhändlerware im Angebot des Online-Riesen. Einer der größten privaten deutschen Elektriker hat Testeinkäufe gemacht und dabei herausgefunden, dass eine gewisse Firma G Amazon großzügig mit Waren beliefert. Eine Lichtfirma namens P hat sich ebenfalls dazu hinreißen lassen, direkt, also ohne Umwege über den Großhandeln, mit Amazon Geschäfte zu machen. Auch auf die Industrie wird bereits massiv Druck ausgeübt. Die Gefahr, dass der eine und andere hier dem schnellen Geld zuliebe, oder im Glauben, keine andere Wahl mehr zu haben, aufspringt, ist nur eine Frage der Zeit. Wie aus der oben bereits genannten ZDF-Dokumentation hervorgeht, werden aber vor allem kleinere Händler gerne von Amazon angelockt, ausgenutzt und anschließend alleine gelassen.
Was nun eine Preishoheit seitens eines Online-Händlers – einer Plattform, auf der sich unzählige Unternehmen mit ihren Produkten tummeln – bedeutet, ist tatsächlich in Science-Fiction Romanen nachzulesen.

Und hätte das nicht gereicht, kommt genau beim Schreiben dieser Zeilen die nächste Hiobsbotschaft und knallt mit voller Wucht ins Munitionslager (danke dafür presse-box.de): AmazonSupply die neue B2B-Plattform kommt mit wehenden Fahnen, „um den Handel zu revolutionieren und den größten und innovativsten B2B-Marktplatz aufzubauen. Unser Ziel, ist alles liefern zu können, was zum Wiederaufbau unserer Zivilisation nötig wäre“, heißt es vonseiten der in Amerika bereits etablierten Plattform. Ein Schelm, wer da jetzt böses denkt – aber WTF!?!
Ob dieses Vorhaben nun bei uns umsetzbar ist oder nicht, wenn das bei uns startet, gilt: »Es kann nur einen geben«. Dann fliegen die Fetzen – und das schnell und dreckig. Denn wer keine exklusiven Produkte bieten kann, darf sich auf Amazon um den Platz des besten Anbieters streiten, denn nur dieser kommt in der Regel auch in den
Genuss, an den Kunden liefern zu können – alle anderen Händler werden üblicherweise an den unteren Rand der Amazon-Plattform verbannt. Dieses Rennen wird in nur wenigen Wochen entschieden sein und viele wird man dann nur noch vom Straßenrand kratzen können. Dazu kommt, dass bei besonders beliebten Produkten Amazon früher oder später selbst als Händler auftritt, der ursprüngliche Anbieter hat dann so gut wie keine Chance mehr, mit den Preisen mitzuhalten.

Was tun?
Um eines klar zu stellen, ich möchte keinen persönlichen Kreuzzug gegen Amazon führen, und niemand soll sich dazu aufgefordert fühlen, hier Hassgefühle zu entwickeln! Amazon wurde hier auch nur als Stellvertreter für viele andere Online-Versandhändler auserkoren, weil jeder mit dem Namen etwas anfangen kann. Im Fahrwasser von Amazon wetzen schon andere bereits die Messer und sinnen auf Regizid. Es geht hier nicht um eine Renaissance der alten Zeiten – den Greißler an der Ecke wird niemand mehr aus seiner verstaubten Gruft herausholen können. Sich dem Fortschritt zu verschließen, macht uns im internationalen Wettbewerb nicht stärker. Unser Geld internationalen Großkonzernen in den Rachen zu stopfen, aber sicher auch nicht! Beim Online-Einkauf ist nicht gleich das Ticket zur Hölle inbegriffen. Amazon zeichnet auch vieles aus und zeigt in einigen Bereichen vor, wie es geht. Wie riesige Produktauswahl, schnelle Lieferung und erstklassiger Kundensupport auszusehen haben, haben die Amerikaner damit demonstriert. Die Kundenrezensionen zu den Produkten helfen vielen bei der Kaufentscheidung – egal wo dann im Endeffekt bestellt wird. Erstmals ging Amazon kürzlich auch rechtlich gegen Webseiten vor, die für Geld positive (oder negative) Kundenrezensionen erstellen, berichtete der Online-Standard. Also sei an dieser Stelle auch ein- mal ein Lob ausgesprochen!
Mir geht es darum, zum Nachdenken aufzufordern! Vom Handel zu verlangen, er solle sich nicht mit Amazon einlassen, ist wahrscheinlich eine noch größere Utopie. Trotz- dem sei gesagt, dass man damit am eigenen Ast sägt, auf dem man sitzt. Den Konsumenten aber wage ich zu fragen: Was opfern wir morgen mit dem schnellen Schnäppchen von heute? Online einkaufen ist eine tolle Sache, warum aber nicht einfach bei heimischen Händlern. Auch wenn viele dem Trend laut einer Studie von marketagent.com aufgrund von Personalmangel und fehlendem Know-how hinterher hinken. Es gibt sie. Ab und an mal in einen richtigen Buchladen (der Preis ist aufgrund der Buchpreisbindung ohnehin derselbe), oder meinetwegen für die Steckdose in den Baumarkt gehen. Ein echter Laden schafft Arbeitsplätze, belebt die Straße und bietet echte zwischenmenschliche Interaktionen. Rechnet sich die Lebenszeit, die man darauf verwendet, zuerst ins Geschäft zu gehen, dann zuhause online nach dem besten Preis zu suchen und die bestellte Ware vielleicht wieder zu retournieren weil sie nicht passt, gegen den geringeren Preis, den man so vielleicht erreicht?

Nun bin ich sicher nicht der Erste, noch werde ich der Letzte sein, der das offensichtliche ausspricht: In letzter Konsequenz hat es immer NOCH der Konsument in der Hand, wo er sein Geld ausgibt, da können auch internationale Konzerne nichts dagegen tun. Und Konsumenten sind wir letzten Endes, ob kleiner Elektriker oder Firmenboss, alle.

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