Gerhard Waldmann
Gerhard Waldmann ist Inhabender Geschäftsführer Herbert Waldmann GmbH & Co. KG. (Bild: Waldmann)

Herausforderungen und Chancen

Biodynamisches Licht für die Industrie

Ein Interview mit Gerhard Waldmann, Inhabender Geschäftsführer Herbert Waldmann GmbH & Co. KG:

Was ist biodynamisches Licht?

Gerhard Waldmann: Das natürliche Tageslicht verändert im Verlauf des Tages die Lichtintensität und Lichtfarbe. Es wirkt dabei dreifach: emotional, visuell und biologisch. Die biologische Wirkung des Lichts taktet unsere innere Uhr. Dabei wirken vor allem die Hormone Cortisol und Melatonin. Es beeinflusst Schlaf- und Wachphasen, aber auch Herzfrequenz, Blutdruck oder Stimmung. Biodynamisches Licht, auch unter Human Centric Lighting bekannt, ist eine künstliche Beleuchtung, die alle drei Ebenen des Lichts berücksichtigt, indem es die Tageslichtdynamik nachahmt.

Warum reicht eine normale Beleuchtung nicht aus?

Waldmann: Insbesondere durch die gesellschaftlichen Veränderungen, den Leistungsdruck und die langen Zeit, die Menschen heute der künstlichen Beleuchtung ausgesetzt sind, ist die richtige Beleuchtung wichtig. Mit gewöhnlicher künstlicher Beleuchtung befinden wir uns sozusagen in biologische Dunkelheit. Das kann zu Müdigkeit, reduzierter Aufmerksamkeit, in extremeren Fällen sogar zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Depressionen führen. Ein biodynamisches Licht kann vor allem in Räumen mit geringer Tageslichtversorgung sowie in den Wintermonaten, wenn die innere Uhr kaum mit dem Tageslicht synchronisiert wird, das Wohlbefinden nachhaltig stärken.

Biodynamik ist noch ein sehr junges Thema, gibt es überhaupt schon realisierte Projekte?

Waldmann: Das Thema begleitet uns mit Ursprung im Pflegebereich mittlerweile schon seit über 14 Jahren. Dort haben wir mehr als 300 Projekte umgesetzt. Seit 2014 bieten wir auch biodynamisches Licht für Büros an. Zahlreiche umgesetzte Projekte belegen auch dort deren Praktikabilität. Wir bieten bereits heute eine Vielfalt an Produkten an, mit denen unsere Kunden biodynamisches Licht realisieren können.

Eine Beleuchtung, die Einfluss auf die innere Uhr nimmt, kann das nicht auch schaden?

Waldmann: Wir arbeiten für unsere Produktlösungen eng mit der Wissenschaft zusammen und halten uns deshalb konsequent an das Vorbild des natürlichen Tageslichts. Entwickelt wurde unser Lichtmanagementsystem VTL für biodynamisches Licht in enger Abstimmung mit Prof. Dr. med. Dipl. Ing. Herbert Plischke, Professor für Licht und Gesundheit an der Hochschule München. Grundsätzlich stehen bei unseren Beleuchtungslösungen der Mensch und seine Bedürfnisse im Mittelpunkt. Biodynamik ist dabei für uns neben der visuellen und emotionalen Qualität des Lichts ein weiterer Aspekt, um den Menschen optimal zu unterstützen. Die Dynamik der Lichtfarbe und die Veränderung der Beleuchtungsstärke erfolgen analog des natürlichen Tageslichtverlaufs. Der Verlauf ist in unseren Lösungen fest hinterlegt. Manuelle Fehlbedienung oder gar Manipulation, etwa durch hohe Blauanteile am späten Nachmittag, werden dadurch ausgeschlossen.

Grafik biodynamische Lichtwirkung

Licht beeinflusst die Produktion der Hormone Cortisol und Melatonin und taktet unsere innere Uhr. (Bild: Waldmann)

Sie haben auf der Light + Building erstmals Lösungen für Industriehallen vorgestellt. Jedoch keine serienreifen Produkte, warum?

Waldmann: Aktuell wird biodynamisches Licht in der Industrie kaum eingesetzt. Pilotprojekte werden installiert, es wird geforscht und weiter Erfahrungen gesammelt. Auf der Light + Building haben wir gezeigt, wie eine technische Umsetzung mit dem Hallentiefstrahler Acaneo oder dem Lichtbandsystem Taureo aussehen kann. Während die technische Umsetzung keine Frage ist, sehen wir noch Klärungsbedarf bezüglich der Wirkungsweise ohne die Nutzung indirekter Lichtanteile. In anderen Anwendungen kann über indirektes Licht für eine optimale Wirksamkeit gearbeitet werden. Da das Licht für eine biologische Wirkung idealerweise von vorne und oben auf das Auge treffen sollte. In Industriehallen ist eine Reflexionsfläche nicht praktikabel. Hinzu kommen Schichtmodelle, die bei der Realisierung von Tageslichtverläufen berücksichtigt werden müssen. Wenngleich es in diesem Anwendungsbereich noch viele Herausforderungen gibt, sehen wir hier großes Potenzial für biodynamische Beleuchtungslösungen.

Warum sehen Sie die Anwendung in der Industrie als geeignet?

Waldmann: In Summe zeigen sich sehr große Chancen. Die teils geringe Tageslichtnutzung in Hallen und die sehr langen Betriebszeiten bilden grundsätzlich ideale Voraussetzung für den Einsatz von biodynamischer Beleuchtung. Mitarbeiter können darüber optimal in Bezug auf Wohlbefinden, Aufmerksamkeit und Gesunderhaltung unterstützt werden. Diese Option sollte genutzt werden. Für ein optimales serienreifes Produkt müssen jedoch zunächst alle offenen Fragen zufriedenstellend geklärt sein.

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