Ballett der weißen Hengste

Lipizzaner verzaubern seit jeher durch ihre Grazie. Davon konnten auch wir uns überzeugen, als wir im Rahmen einer besonderen Darbietung einer Weltneuheit beiwohnten. Die Spanische Hofreitschule präsentierte Ende November erstmals ein einzigartiges Beleuchtungssystem, das in dieser Vorführung seine Weltpremiere erlebte: Künftig werden die Scheinwerfer in der Winterreitschule dank einer speziellen Trackingtechnologie so ausgerichtet, dass sich das Pferd stets im Zentrum des Lichtkegels bewegt – wo auch immer es sich in der Reitbahn befindet. Ein System, das auch vom Publikum bewusst wahrgenommen wurde – der Blick vieler war auf die LED-Movingheads selbst gerichtet, als der spielerisch anmutende Tanz der beweglichen Scheinwerfer während der Solovorführung von Marcus Nowotny und seinem Pferd den Höhepunkt erreichte.

Die Vorgeschichte
Die weltberühmten Vorführungen der Lipizzaner in der barocken Winterreitschule der Hofburg sind einer der Anziehungspunkte für jeden Wien-Tourist. Die Darbietungen stellen das Ergebnis langjähriger Ausbildung und intensiver Arbeit der Bereiter und ihrer Lipizzaner dar. Die stürmischen Junghengste bezaubern das Publikum ebenso wie die bereits voll ausgebildeten Schulhengste, die sich in der Schulquadrille, bei den Schulen auf und über der Erde, beim Pas de Deux und am Langen Zügel zeigen. Zu den Kernaufgaben der Spanischen Hofreitschule gehören die Ausübung und Bewahrung der Hohen Schule der klassischen Reitkunst, die auch zum internationalen Immateriellen UNESCO-Kulturerbe der Menschheit zählen.
Boten Pferd und Reiter bisher stets unter flächigen Lichtbedingungen ihre Darbietungen, so geschieht dies in Zukunft innerhalb eines nur wenigen Meter großen Lichtkegels, der die beiden auf Schritt und Tritt begleitet. EntwickelPferde sind besonders sensibel und können durch äußere Einflüsse leicht gestört werden. Die zactrack-Technologie gibt ihnen gerade genug Licht nach vorne weg, damit sie nicht ins Finstere steigen. (Foto: Zumtobel Group)t wurde das System vom Wiener Start-up- Unternehmen zactrack. Unterstützung in der Umsetzung fand das Projekt durch den österreichischen Lichtkonzern, der Zumtobel Group. „Mit der Einbindung dieses Systems präsentieren wir hier etwas, das bisher für uns im »Land der Träume« angesiedelt war. Denn nun kann dem Publikum die Harmonie und Präzession bei der Vorführung der Pferde und Reiter der Spanischen Hofreitschule durch die Lichtinszenierung der Scheinwerfer noch besser vor Augen geführt werden. Mit der Folge, dass die Besucher darüber sprechen und andere dazu animieren, wieder zu uns zu kommen“, fasst Elisabeth Gürtler, Generaldirektorin der Spanischen Hofreitschule, die Beweggründe für den Einsatz des Systems zu Beginn unseres Gespräches mit den Verantwortlichen zusammen.

Tradition trifft Innovation
Bereits seit längerem hat die Spanische Hofreitschule nach einer Beleuchtung gesucht, um die Aufführungen präzise in Szene zu setzen. Die neue Lichtlösung in der ältesten Reitschule der Welt funktioniert mittels kleinen Sendern, die jeweils vorne und hinten am Sattel befestigt sind. Zehn Antennen an der Hallenwand empfangen die Funksignale und ermöglichen so eine zentimetergenaue Verortung des Pferdes. Die Positionen der Pferde werden via Netzwerk an die Lichtanlage übermittelt; eine speziell entwickelte Software steuert die 20 an der oberen Galerie installierten LED-Movingheads komplett automatisch. Dabei ist entscheidend, dass diese die Bewegungsrichtung des Tieres vorausberechnet, so dass das Pferd seine nächsten Schritte nicht ins Dunkle setzen muss. Georg Ebner, Leiter Vertrieb Österreich Zumtobel Group: „Als künftiger Lichtpartner der Spanischen Hofreitschule sind wir stolz, dass wir die Installation dieses einzigartigen Lichtsystems unterstützen durften. Wir pflegen eine offene Technologiepartnerschaft zu zactrack und erschließen im Rahmen dieser Kooperation neue Anwendungsfelder im Bereich dynamisches Licht. Als Lichtkonzern beschäftigen wir uns intensiv mit den Möglichkeiten im Bereich der intelligenten und vernetzten Beleuchtung. Die Zukunft liegt ganz klar in Lösungen, die es dem Kunden ermöglichen, die Beleuchtung flexibel auf verschiedene Anforderungen anzupassen.“
Bisher boten Pferd und Reiter ihre Darbietungen stets unter flächigen Lichtbedingungen – nun geschieht dies in Zukunft innerhalb eines nur wenigen Meter großen Lichtkegels. (Foto: Zumtobel Group)„zactrack liefert seit 2009 automatische Verfolgersysteme für Darsteller bei Sportevents, Shows und auf Bühnen. Die Verfolger-Technologie mittels Funk-Tracking ist weltweit einzigartig und eignet sich optimal für den heutigen Einsatz. Pferde sind besonders sensibel und können durch äußere Einflüsse leicht gestört werden. Die zactrack-Technologie bemerken sie nicht und die mathematische Vorausberechnung der Scheinwerfer gibt ihnen gerade genug Licht nach vorne weg, damit sie nicht ins Finstere steigen“, sagt Werner Petricek, CEO von zactrack. Zwei Sender im Sattelbereich schaffen die Voraussetzung, um eine Bewegungsrichtung vorauszuberechnen: „Auf Grund unseres Systems ist es uns tatsächlich möglich, bis zu einer Sekunde in die Zukunft blicken zu können und die Schweinwerfer entsprechend auszurichten. Die Mathematik und das Netzwerk sind schnell genug, um zu bemerken, wenn das Pferd eine andere Richtung einschlägt und führen so die Scheinwerfer wieder in die richtige Position“, schildert Petricek die Funktionsweise. 20 LED-Movingheads, die entlang der Brüstung in der Winterreitschule der Hofburg positioniert sind, werden dabei so gesteuert, dass immer jene Scheinwerfer übernehmen, die sich im Bereich des Pferdes befinden. „Selbstverständlich geschieht die Übergabe der Beleuchtungsaufgabe von Scheinwerfer zu Scheinwerfer auf eine derart sanfte Weise, dass es weder für Pferd und Reiter noch für das Publikum wahrnehmbar ist“, betont Petricek, dessen zactrack- Systeme vor allem im Sport- und im Entertainmentbereich zu finden sind: „Zum einen arbeiten wir seit langem mit bekannten Shows wie »Holiday on ice« zusammen und setzen die Präsentationen von großen Autofirmen auf den internationalen Messen in Szene und zum anderen haben wir Sportarenen wie die des Eishockey- Vereins Red Bull Salzburg mit unserer Technologie ausgerüstet. Unsere Technologie bietet ein sehr breites Anwendungsfeld – so beginnt unter anderem gerade eben auch ein Trend in Richtung klassisches Theater zu erwachen“, weiß Petricek zu berichten. Eine Tatsache, der man sich auch bei Zumtobel bewusst ist: „Wir finden gerade heraus, wo wir das System von zactrack auch in der Allgemeinbeleuchtung einsetzen können“, lässt uns Bert Junghans, Head of Lighting Solutions & Concepts Zumtobel Group wissen. Von der Büro- über die Sport- bis hin zur Straßenbeleuchtung – Lösungen wie jene von zactrack sollen vor allem in jenen Gebieten ideal einsetzbar sein, wo Systeme Situationen künftig intelligent erfassen und adaptieren müssen. „Im Zeitalter von Internet of Things hat man mit modernen Leuchten, gekoppelt mit Sensorik und entsprechend intelligenter Software, viel mehr Möglichkeiten, bessere Lichtbedingungen zu schaffen aber gleichzeitig auch Gebäude effizienter zu betreiben“, meint Junghans und unterstreicht damit, dass das Zeitalter der Leuchten als Stand-alone-Lösung ein Ablaufdatum hat.

Dass nicht nur die ausführenden Firmen von ihrer Technologie überzeugt sind, zeigt die Reaktion von Reiter Marcus Nowotny: „Bisher kannte ich diese Art der Beleuchtung nur von den Tourneen, wenn die Scheinwerfer zumeist manuell auf uns ausgerichtet werden. Durch die nun eingesetzte Technologie wird der Scheinwerferkegel nicht nur automatisch nachgeführt, sondern kann darüber hinaus auch sehr klein gehalten werden, wodurch das Pferd noch besser zur Geltung kommt.“ Die erste öffentliche Aufführung mit dem neuen Lichtsystem soll zu Silvester stattfinden – ein Erfolg ist garantiert.

(Fotos: Zumtobel Group)