Am Anfang war das Chaos

Gut Ding braucht Weile
Die Entwicklung eines Nationalen Qualifikationsrahmens in Österreich (NQR) führt zurück auf die Empfehlung des Europäischen Parlaments und des Rates zur Einrichtung eines Europäischen Qualifikationsrahmens für Lebenslanges Lernen im Jahr 2008. Die europäischen Mitgliedsstaaten sollten ihre Nationalen Qualifikationsrahmen – auf freiwilliger Basis – bis 2010 an den EQR koppeln. Aktueller Stand der Dinge diesbezüglich ist, dass es in Österreich nun im März angegangen wird und die Kategorisierung der Berufsabschlüsse 2018 beendet sein soll.

Was ist der Nationale Qualifikationsrahmen?
Der Nationale Qualifikationsrahmen ist ein Mittel zur Systematisierung von Qualifikationen, Kompetenzen und Abschlüssen in acht aufsteigende Levels. Jede einzelne dieser Stufen wird mithilfe verschiedener Deskriptoren definiert, die Kenntnisse, Fertigkeiten und Kompetenz berücksichtigen. Der österreichische NQR ist am Europäischen Qualifikationsrahmen (EQR) ausgerichtet und berücksichtigt sämtliche Bereiche des bundesweiten Bildungssystems.

Welche Ziele werden durch den NQR anvisiert?
Oberstes Ziel des EQR ist die Erhöhung der Transparenz zwischen den Berufsausbildungs- und Bildungssystemen der EU-Mitgliedsstaaten. Der NQR dient demnach der nationalen Systematisierung der österreichischen Bildungslandschaft – Qualifikationen sollen/können so miteinander und zueinander in Verbindung gesetzt werden. Transparenz und Verständlichkeit bzgl. der unterschiedlichen Bildungsabschlüsse sollen daraus resultieren, ebenso wie Mobilität und Anerkennung zwischen Bildungsinstitutionen. Heißt auf deutsch: Es soll ein gemeinsames System geschaffen werden, das Ausbildung und berufliche Abschlüsse zuordnet und koordiniert. Aufgrund der Vergleichbarkeit soll die grenzüberschreitende Mobilität gesteigert werden.

Und der Nutzen?
Durch die geschaffene Transparenz können die verschiedenen Ausbildungsgänge einfacher verglichen werden, was unweigerlich zu einem besseren Verständnis der Bildungslandschaft führen soll – vor allem auch über die nationalen Grenzen hinaus. Stichwort Mobilität: Es entstehen vor allem auch für Unternehmen Möglichkeiten, internationale Qualifikationen und Potenziale gezielt nutzen zu können und so die Wettbewerbsfähigkeit zu steigern.

So viel zur Theorie. Ob diese Entwicklung bzw. diese »Empfehlung« der EU tatsächlich zu den erhofften Zielen im Bildungswesen führt, überlassen wir der Praxis.
Ja, ich weiß, der Begriff der »Globalisierung« und der damit verbundene Vorwurf ist schon ziemlich ausgelutscht, aber er schreit doch sofort »Hier!« beim Durchlesen der vorangegangenen Zeilen. Der Traum eines gemeinsamen europäischen Bildungsraumes klingt fast zu schön, um wahr zu sein… Natürlich müssen dafür alle Mitglieder der europäischen Familie an einem Strang ziehen. Man darf also gespannt sein.

Systematisierung und Kategorisierung sind ja an sich optimale (Hilfs-)Mittel, um Ordnung, Übersicht und Klarheit zu schaffen. Natürlich sind sie auch im Hinblick auf die Globalisierung unerlässlich. Ich frage mich allerdings, ob man nicht primär innerhalb des zu schaffenden Qualifikationsrahmens »aufräumen« sollte? Meiner Meinung nach gäbe es da viel zu tun, bevor in diesem Hinblick eine Vergleichbarkeit möglich wird. Sollte nicht zunächst die – sowohl berufliche als auch akademische – Bildung samt ihrer Qualität optimiert werden, bevor man ihre Kompetenzen auf europäischer Ebene zueinander in Bezug setzt?

Speziell in Österreich erhofft man sich außerdem auch eine Imageaufwertung der Lehre, wurde doch bis dato die akademische Bildung sehr hoch angesehen. Doch genau in diesem, dem akademischen Bereich – und das sage ich aus eigener Erfahrung – gäbe es zum Teil großes Veränderungspotenzial – wie bestimmt in vielen anderen Bereichen auch.
Klar würde ein funktionierender, gemeinsamer europäischer Bildungsraum zahlreiche Vorteile bringen, so könnte man sich mühsame Anerkennungsverfahren ersparen und es würden sich auch bestimmt neue Möglichkeiten bieten, um Kompetenzen zum Vorteil aller betroffenen Seiten gewinnbringend zu nutzen.
Zum Teil unausgereifte sowie verbesserungswürdige Ausbildungen zu systematisieren und diese auf europäische Ebene auszuweiten, birgt dennoch gewisse Gefahren, denn wo gehobelt wird, fallen Späne – und diese lassen sich wohl nicht so einfach globalisieren.

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